A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

Ich weiss was Du Montagabend tun wirst

Ich weiss was Du Montagabend tun wirst

Patrick Neithard, Zürich, 04. April 2005
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In Dramen: “Nur ein Weg um alle Seiten einer Geschichte zu sehen” Brenda Strong als Mary Alice Young im Pilot von “Desperate Housewives” © ABC Studios Production, 2004

Der Strassenfeger “Desperate Housewives” wütete erstmals erfolgreich im Herbst 2004 in den USA. Fieberhaft erwartet, ergriff er mit der gestrigen Erstausstrahlung des Pilots auf sfzwei auch die Schweiz. Es muss ebenfalls Juni sein, sommerlich ist`s, im fiktiven Städtchen Fairview. Pastellfarbene, herausgeputze Vorstadthäuser leuchten in der Vormittagssonne. Glyzinien säumen hier und da die Wisteria Lane. Eine Joggerin hüpft den weissen Zäunen des vornehm gewundenen Vorstadtsträsschens entlang. Fensterscheiben gleissen mit Autolack und polierten Türknäufen in der Sommersonne um die Wette. Dazwischen Blumenrabatten, Rosen, Hortensien, und gemähter Rasen, auf Form getrimmte Zypressen. Die Luft wirkt klar, warm, ein laues Windchen weht tiefgehängte Äste alter Bäume vor die Fenster, und Vogelgezwitscher durchtränkt die Vorstadtidylle. Bis ein Pistolenschuss die Luft durchschneidet. Mary Alice Young`s Selbstmord ist der Startschuss der neuen, mit fünfundzwanzig Emmys nomininierten amerikanischen TV-Dramedy-Serie „Desperate Housewives“.

"Nur ein Weg um alle Seiten einer Geschichte zu sehen" Brenda Strong als Mary Alice Young im Pilot von "Desperate Housewives" © ABC Studios Production, 2004

“Ein letzter perfekt glänzender Tag ohne grosse Vorkommnisse”, Brenda Strong als Mary Alice Young in  “Desperate Housewives” © ABC Studios Production, 2004

Bittersüsser Blick auf das Trauma des Alltags

Auf ihre Freundinnen herunter zu schauen war nicht die Lebensart, die Mary Alice Young (Brenda Strong) zu Lebzeiten pflegte. Mit dem Freitod aber nun blickt sie hinunter. Der Kopfschuss beendet alles, das ganze perfekt polierte Vorstadtleben, die Familienbande, die Dauerroutine, die Enge des Daseins mit diesem nur einen, subjektiven Blickpunkt. Ja, diese Mary Alice Young schwebt fortan nicht selten teilnahmsvoll seufzend, aber befreit über allem, und vermag nun engels-, ja fast gottgleich in die tiefesten Winkel des Lebens ihrer Familie, ihrer Nachbarn, ihrer vier so unterschiedlichen besten Freundinnen zu sehen. Bereits kurz nach ihrem Begräbnis finden sich die vier Hinterbliebenen, die heissblütige, vom oberflächlich-glamourösen Sein gepeinigte Latina Gabrielle Solis (Eva Longoria) die pragmatische vierfache Familienmutter Lynette Scavo (Felicity Huffman), die Alleinerziehende Kinderbuchillustratorin Susan Mayer (Teri Hatcher) und die WASP-Upperclass-Matrone Bree Van de Kamp (Marcia Cross) mit ihren Familien zum Traueressen ein. Die Nachbarn tuscheln, Mary Alice`s Ehemann verhält sich sonderbar, ja verdächtig, und die Freundinnen wundern sich, wie eine von ihnen etwas so unverständliches, unüberlegtes, und unwiederbringliches, wenn nicht gar verräterisches wie Selbstmord hatte tun können.

"Ich weiss was Du getan hast! Es macht mich krank!" von links nach rechts  right: Felicity Huffman as Lynette Scavo, Eva Longoria as Gabrielle Solis, Teri Hatcher als Susan Mayer, Marcia Cross als Bree van de Kamp im Pilot von "Desperate Housewives" ©ABC Studio Productions, 2004

“Ich weiss was Du getan hast! Es macht mich krank!” von links nach rechts: Felicity Huffman as Lynette Scavo, Eva Longoria as Gabrielle Solis, Teri Hatcher als Susan Mayer, Marcia Cross als Bree van de Kamp im Pilot von “Desperate Housewives” © ABC Studio Productions, 2004

Ich weiss was Du getan hast!

Gustave Flauberts Madame Bovary (von 1857) gilt nur als eine der Vorlagen für Marc Cherrys Erfolgsserie. In Flauberts Gesellschaftssatire wird Madame Bovary zum Emblem. Sie vereinigt vier klassisch weibliche Rollen in sich. Sie steht für die Mutterrolle, zweitens für die Rolle der vorangegangenen ersten Ehefrau und Messlatte von Charles Bovary, drittens für die Rolle der Protagonistin Emma Bovary selbst als Charles zweiter Ehefrau, und schliesslich steht Madame Bovary als Abbild, als Tochter Bovary, in der die gelebten Ideale fortgepflanzt wurden, in einem literarischen Fächer vereinigt. Heute sind die Geschlechterrollen längst durch die Vielzahl äusserer Umstände wie Arbeitsumfeld und gesellschaftliche Wirkkreise verändert, und doch sind sie nicht minder festgeschrieben. Es sei denn, du ziehst in die Vorstadt, wie dies die fünf Hauptprotagonistinnen taten. Und wenn die vier im Leben zurückgebliebenen Frauen schliesslich am Ende des Pilots, noch mit dem Schock des Verlusts in den Gliedern die Notiz „Ich weiss was Du getan hast! Ich werde es erzählen!“ beim Räumen der Hinterlassenschaft dieser Mary Alice rein zufällig in die Finger kriegen, dämmert ihnen, wie viel Grauen die ja an sich plausible Frage, „Oh Mary Alice, was hast Du bloss getan?“ umnebelt. Ähnlich noch verhält es sich mit Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“, in welchem die Gesellschaft zum einen zu Zwängen führt, gerade während das handelnde Individuum beurteilt wird und so an hochgehaltenen Idealen wie „Liebe als höchstes Glück und Pfand zur Ehe“ zunächst durch puren Standesdünkel Hochverrat betrieben wird, bis erst einmal alle Geheimnisse gelüftet – oder Umstände beleuchtet – sind. Und die bereits im Pilot mit so wunderbaren Billy-Wilderschen, filmhistorischen Zitaten bestückte Produktion “Desperate Housewives” kann sich mit derart grossem literarischem Stoff bei weitem messen.

Serialität 2.0 oder Ikonenrennen weiblichen Konformismus`

Was in den späten 1970 ern bereits mit den Beschauliches-Leben-Serien wie “Waltons”, “Lassie”, und “Flipper” erfolgreich begann und erst mit den Öl-Tycoonen-Serien wie “Dallas” und “Dynasty” (letztere in Deutsch synchronisiert “Denver”) zu einer Hochblüte kam, weil sie erstmals der Gesellschaft auf den Pelz rückt, scheint nun zu einer fulminanten zweiten Welle anzusetzen. Fernsehen heute ist ein Massenphänomen, in welchem Quoten bestimmen. Der Erfolg des Piloten entscheidet über die Zukunft der Serie. Quote und Zielpublikum sind im TV-Geschäft das Paar schlechthin. Ist es nicht getaktet, bedeutet dies schlicht das nicht selten teure Aus für jede Serie. War es einst meist das Tempo oder die Komik – oder aber die Geschichte, ist es nun vermehrt auch das Genre des Drama. Mit “Desperate Housewives” rücken nun verzweifelte Hausfrauen, eben deren Dramen, Ehekrisen, Seitensprünge, Stutenbissigkeiten ins Blickfeld. Ornamentiert werden sie nun ja gar noch mit Mord, Ränke und Verleumdung (ganz nach dem Vorbild auch des Film Noir). Für gleissende Authentizität und eine atemberaubend anziehende Identifikation sorgen die aufwändigen filmischen Einstellungen, die weit mehr an Kino und weniger an Fernsehen erinnern. Und ja, um die literarische Vorlage, die Bovary nochmals zu bemühen, es gibt diese Stelle in Madame Bovary, in welcher Emma Bovary in der Kutsche durch endlose Strassen fegt, den Kutscher antreibt, hier entlang, da entlang zu fahren, einfach weiter, nur bloss weiter! Und nicht weniger atemberaubend und den Blutdruck hochfahrend verkündet der musikalisch durch Danny Elfman meisterhaft untermalte Vorspann in einer Animation aus acht Bildern der Kunstgeschichte, womit “Desperate Housewives” es also nun aufnimmt: mit ganzen Zenturien weiblicher Konformitäten, fast schon so, als würde der Besen die Nation auf ihre Sofas wischen. Für diesen animierten Vorspann zeichnen “yU+co” des Motion Graphic Designers Garson Yu.

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Der kulturgeschichtliche Vorspann beginnt denn auch bei “Adam und Eva” des deutschen Lucas Cranach (1528) gefolgt von Nefertari, einer der Frauen von König Ramses, zieht weiter zum “Bildnis der Heirat von Giovanni Arnolfini und Giovanna Cenami“(1434) des Niederländer Künstlers Jan van Eyck .„American Gothic“ von Grant Wood, das Original hängt im Art Institute of Chicago, steht ikonisch für das Amerika der grossen Depression. Das Bild von Mann und Frau wird überspielt vom frivolen Pin-Up Girl, welches uns schalkhaft zuzwinkert, deren Vorgabe übrigens die Amerikanische Schauspielerin Betty Grable war. “I am Proud” ursprünglich ein Propagandaposter des Post World War II -Amerika, zeigt die emsig überladene Hausfrau, die Hungersnöten mit Eingemachtem vorbeugt. Dass sich auch dieses Rollenbild auflöste, zeigt die darauffolgende Warholsche Massenware “Campbells Soup”, mit der ein, diesmal industriell -konventionalisierter Standard abermals ins Leben verändernd eingriff. Es war wohl diese Veränderung im Haushalt, welcher ein Ehepaar mal als “romantisches Paar” und als “streitende Paar” erst ermöglichten, folgt man den beiden Pop Art Bildern von Robert Dale, die in der Machart, der Rasterung des Bildes ebenfalls an Bilder des eher weltweit bekannten Roy Lichtenstein anbinden. Roy Lichtenstein kritisierte nebst der seriellen Produktion, welche in Warhols Campbell Soup anklingt, eben auch das Heim, denkt man an Werke Lichtensteins wie “Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing? (1956)” . Diese erneuerte Gesellschaftskritik, in ihrem Wesen nur angetippt, beschliesst die fulminante ikonische Zeitreise in diesen knapp dreissig gefühlten Sekunden. Konsequenterweise sind die späten 1960 er mit der Auflösung eindeutiger Stereotypen nicht im Vorspann eingeflochten, setzten aber gerade damit zeitliche Vorzeichen.

Was war nochmals sexuelle Revolution?

Die Frauenbilder, mit welchen wir es hier nun also zu tun haben werden, wissen mindestens noch, was „sexuelle Revolution“ heisst. Und doch, soviel sei verraten, werden wir es eher mit Predatorinnen der Suburbs, mit Kochkriegerinnen, Multitasking -Talenten und Opportunistinnen zu tun bekommen, denen nebst den Waffen einer Frau eben selbst reale Waffen, die Brillianz ihres Geistes, das eingeimpfte Standesbewusstsein ihrer Ahnen in die Brust gelegt sind wie der Todesmut und die Heroik ihres Alltags sie manchmal bestimmen mag. Kalkül, Mutterinstinkte und das gros jener Vorurteile gegenüber Frauen, sie seien hysterisch, dürfte sich mit Spannung in so einigen manchen Wirrungen verheddern, Mythen werden sich um so manchen Nachbarn spinnen, und angestauter Schmerz sich hie und da explosiv entladen, wenn die anklingenden bewusst auf Freudschen Archetypen (oberflächlich, in der Mutterrolle aufgehend, beruflich erfolglos, erheblich verkühlt in Rollen lebend) mit ihren tatsächlichen psychologischen Qualitäten wie Loyalität, Kommunikationsgabe, Mut zu emotionalem Tiefgang oder einem nötigen Schuss Romantik verwoben werden.

Kids, behave! Mommy`s got Santa`s cell phone number! Felicity Huffman as family mother Lynette Scavo, the twin brothers Shane & Brent Kinsman playing Porter & Preston Scavo, Zane Huett playing their brother Parker. ( Not in picture is the fourth child, Penny Scavo) © 2004 ABC Studios

Aufgepasst, Kinder, Mami hat Samichlauses Handynummer! Felicity Huffman als Familienmutter Lynette Scavo, die Zwillinge brothers Shane & Brent Kinsman als Porter & Preston Scavo, Zane Huett als deren Bruder Parker. ( Nicht im Bild, Baby Penny Scavo) © 2004 ABC Studios Production

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Teri Hatcher als Susan Mayer, Andrea Bowen als ihre Tochter Julie auf dem Weg zum Begräbnis. Mit ihren famosen Mac`n`cheese © 2004 ABC Studios Production

 

Dass dies mit viel Sinn für Situationskomik geschieht, zeichnete sich bereits heute ab, wenn Lynette Scavo kurzerhand den Anstand ihrer flegelhaften Jungen dank ihrem direkten Draht zu einer höheren Macht, der Telefonnummer von Santa Claus, erpresst oder aber wenn Susan Mayers weltbekannte “Kochkünste” das schlimmste im Extremen darstellen, ihre Maccharoni & Cheese sind, verbrannt und halbgar, ebenso legendär wie eben auch Tradition. Und auch das ist eine Qualität des (nach wie vor amerikanischen) Fernsehens: Grandiose Überhöhung durch drastische Fiktionalisierung, fantastisch überzogene, durch Musik betonte Situationskomik mittels einfachstem „Mickey Mousing“ (wenn auch mit kostspieligem Orchester unter der Regie von Steve Jablonksi) führen eine mit Leichtigkeit gewobene, massgeblich vertiefte Figurenentwicklung wohl weiter in die nächsten Wochen. Es ist diese dauerhafte Spannung, die uns eine Serie beschert, in welcher uns die eine oder andere Figur fast schon mit einer Dringlichkeit ans Herz wachsen muss. Auch wenn diese Welt, wie es einer der Ehegatten an der Wysteria Lane noch benennen wird, ganz und gar einem, und hier sei eingeschoben, brillianten, luxuriösen Werbespot für Glanzspülmittel gleicht.

sfzwei, Montag, jeweils 20:00 Uhr (Stereo E/d)
Wiederholung jeweils am selbenAbend im Nachtprogramm sfzwei
ProSieben Mittwochs jeweils 20:15 Uhr

 

©ABC Studio Productions 2004
Marc Cherry (Kreator)
Charles Skouras III (Produzent)
Charles McDougal ( Regie)

mit
Eva Longoria, 
Felicity Huffman,
Teri Hatcher,
Marcia Cross,
Brenda Strong

 

© 2005 -2016 A Sharper Blur, Patrick Neithard, All rights reserved

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