A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

Die Kunstsaison hat begonnen

dzg appearance

von Patrick Neithard, 4.9.2010

Das Angebot in der Kunstmetropole Zürich ist immens: Neben 14 Museen, die sich der Kunst widmen, stellen auch Institutionen wie das Haus Konstruktiv, die Rote Fabrik oder die Kunsthalle das ganze Spektrum des Kunstschaffens aus. Dazu kommen weit über 100 Galerien. Davon konzentrieren sich allein 60 sich in den Stadtkreisen 1, 4 und 5. Bereits seit 2001 kann man sich im Internet einfach über das Programm von über 60 Galerien informieren:www.dzg.ch. Dahinter steckt der Verein «Die Zürcher Galerien» er stimmt die Vernissagen ihrer Mitglieder aufeinander ab und präsentiert sich in einem einheitlichen Auftritt im Internet.

Dieter Roth bei Marlene Frei

Die Galerie und Edition Marlene Frei im Kreis 4 beginnt nicht nur die Saison, sie blickt auch auf ihr 25-jähriges Bestehen zurück. Und würdigt es mit einem Querschnitt durch das Schaffen des Universalkünstlers Dieter Roth. Ein Verweis auf eine für sie prägende Zeit. Roth stellte erstmals 1985 bei Marlene Frei in ihrer noch jungen Galerie aus, sie vertrat ihn danach für drei Jahre exklusiv. Weitere Ausstellungen von Roths Werken folgten, und einige von Roths Künstlerfreunden fanden den Weg ins Ausstellungsprogramm. Die derzeitige Dieter-Roth-Ausstellung umfasst an die 50 Originale des 1998 Verstorbenen. Darunter der „Sche…haufen“ von 1968, als Titel wie als Objekt herrlich doppelbödige Anspielung an künstlerische Provokation und natürliche Zersetzung.

Dieter Roth, "Sche..haufen" 1968, Courtesy Marlene Frei Galerie und Edition

Dieter Roth, “Sche..haufen” 1968, Courtesy Marlene Frei Galerie und Edition

Was trieb die Künstler in den 60er-Jahren nebst Warhol’scher Pop Art um? Es war die serielle Anfertigung, die Frage an das Original und die Reproduzierbarkeit und deren Wechselwirkung mit der Gesellschaft. Von seinen Kollegen hob sich Dieter Roth durch die Wahl für künstlerisch ungewöhnlicher Werkstoffe ab. Kurzerhand tauchte er eine Spielzeugpuppe kopfüber in einen mit Schokolade gefüllten Plastikzylinder. In Serie, als «Multiple» fertigte er es in einer Auflage zu 50 Exemplaren. Die begehrten Sammlerobjekte zeugen von seiner Haltung gegenüber der Verführung der Gesellschaft auch durch die Industrie. Er mag als publikumsscheu gegolten haben, fremd waren ihm der Mensch, die Gesellschaft und deren Konventionen eben nicht. Roth mischte sich ein. Setzte 1971 im «Anzeiger der Stadt Luzern» Sprüche wie «Das Fleisch sei gar, wenn eine Stunde vergangen wäre» zwischen gutbürgerliche Annoncen. Signierte mit «D.R.». Die Sammlung dieser Zeitungen, der «Tränensee» von 1971/1973, gesellt sich zu den weiteren ausgestellten Schlüsselwerken in der Galerie.

Zwei Newcomer in der Römerapotheke

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Iris Kettner, “Ohne Titel” 2009, © The Artist & Galerie Römerapotheke, Zurich Switzerland

Nährboden der Kunst schlechthin ist sie ja, die Gesellschaft. Auch in der Galerie Römerapotheke geht man gleich mit zwei ausgestellten Künstlern mit der Gesellschaft, wenn auch mit deren weit aktuelleren Belangen, auf Tuchfühlung. Mit schwarzen Stoffskulpturen spiegelt die Wahlberlinerin Iris Kettner (geboren in Mainz) unseren alltäglichen Umgang mit vermeintlich zielsicheren gesellschaftlichen Zuweisungen. Versammelt in einer Ecke des Raumes, schiesst eine Gruppe Leute in schwarzen Kaputzenparkas wie Pilze aus dem Boden. Der flüchtige Blick streift die nur bis zur Taille Sichtbaren. Erstes Vorurteil: typisch urbane Unterschicht. Aus der Stelle der fehlenden Gesichter ergiessen sich textile Würste zu Boden und umschlängeln die Figuren. Unser Blick springt von Kopf zu Kopf. Zweites (Vor-)urteil: Die Kapuzengang kommuniziert in uns fremdem Codes. Man findet sie irgendwie süss, und das führt zu einer anderen Beurteilung: Was ist mit der inzwischen eingetretenen emotionalen Berührung in uns selbst? Habe ich Fremdkörper der Gesellschaft gesehen oder hat sie mein holzschnittartiger Blick dazu taxiert? Unsere Wahrnehmung mit gewohnten Bildern ist holzschnittartig. Was uns zu Uros Djuorovic führt:

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Uros Djurovic, “Welt-Anschauung II”, 2009, © The Artist & Galerie Römerapotheke, Zurich Switzerland

Uros Djurovic ist 1979 in Berlin geboren, wuchs als serbischer Secondo und als Sohn des Malers Goran Djurovic auf. Er kennt zwei einst geteilte Städte: Berlin. Und Belgrad, einst Hauptstadt des blockfreien sozialistischen Jugoslawien wie auch der Teilrepublik Serbien. Beiden Städten gemeinsam sind die durch die Teilung und das erneute bauliche Zusammenführen übergangsmässig entstandenen Brachländer. Eines von Uros Durjovics grossformatigen, ernsthaft düster gehaltenen Bildern heisst «Welt-an-schauung II».Vier Männer, fiktive Visionäre, Planer vielleicht, auf Niemandsland stehend, in eine Richtung zeigend. Im Hintergrund eine Stadtsilhouette. Berliner Skyline? Eben nicht nur. Djurovic hat auch markante Bauten Belgrads eincollagiert. Die Rückkehr des Blicks aus dem Hintergrund nach vorn im Bildraum macht die vier Planer zu Schachfiguren. Und die hat der Künstler auf ein leeres Koordinatennetz der Welt geführt, in Nachbarschaft mit der Zivilisation zwar, aber abseits einer geschichtsträchtigen Stadtstruktur. Welcher grosse Wurf wird den Urbanisten gelingen, und wie wird dieser grosse Wurf, der schlaue Zug in der Zukunft genutzt, besetzt, bedacht?

Filz bei Haas

Thomas Grünfeld, Jahrgang 1958, in Deutschland bekannt als Skulpturenkünstler, fertigt jetzt auch grossformatige Bilder aus Filz. Mit diesen neuen Werken ist er in Zürich erstmals ausgestellt. Filz als Material ist vielleicht besonders beliebt als Teewärmer. Auch die Farbpalette ist beschränkt: Filz gibt es in 38 Farben – mischen und verwischen unmöglich. Um das sinngemäss dennoch zu tun, müssen andere Techniken her. So zum Beispiel das Schichten von grafisch zugeschnittenen Einzelteilen zu einem Ganzen. Die Motive sind, wie schon bei Grünfelds bildhauerischen Arbeiten, selten Figuren aus einem Guss.

Thomas Grünfeld, "Ponygirl", Filz, copyright Galerie Haas 2010

Thomas Grünfeld, “Ponygirl”, Filz, 2010, © Galerie Haas, Zurich Switzerland

Das «Ponygirl», schon vom Namen her Klischee, hat einen Pferdefuss. «Eros Sogno» ist Bild gewordener Traum von Pferdestärken (dem Auto) und vom schnellen Schuss (aus der Pistole). Politische Korrektheit wird auch in «Drei Löcher» hinterfragt. Ist es ein Golfplatz oder die einzige Öffnung im Schleier muslimischer Frauen? Zeigen, was ist, kann man oft ungestrafter, als sagen, was ist. Gezeigt wird Grünfelds Filz in der Galerie Haas.

 Yes we can! Eva Presenhuber zeigt Sue Williams

Sue Williams ist eine amerikanische Malerin. Die 1954 Geborene lebt in New York. Auch sie speist ihre Bilder aus Klischees. Einst streute sie noch lose Entlehnungen aus Comic und Cartoon über die Bildfläche. Meist waren es dann beim näheren Hinsehen schon aufreizend gekleidete Gliedmassen, in jedem Fall Körperteile. Das wirkte teilweise noch erzählerisch, sprach aber bereits einen Aspekt an, über den nur hinter vorgehaltenener Hand gesprochen wird.

Sue Williams "Yes We Can" copyright Galerie Eva Presenhuber, Zurich

Sue Williams “Yes We Can” 2009, © The Artist & Galerie Eva Presenhuber, Zurich Switzerland

Im neuen, bei Eva Presenhuber ausgestellten Zyklus sind die einzelnen Fragmente zu einem ganzen Teppich aus Mustern geflochten. Aus Distanz wirken diese höchst abstrahiert, wie monochrom marmorierte Tapeten. Treten wir aber näher, geraten wir in den Sog eines Raumes, der psychedelische Kritzelei, marmoriertem Briefpapier und an in langweiligen Schulstunden bekritzelte Schulhefteinbände erinnert. Organfetzen oder zerstückelter Körperteile schweben, eben wie eine grosse, schreiende Schweinerei ( frei übersetzt nach “Big Screaming Mess!”) Ein Bild heisst «Yes we can!». Doch die wütende Darstellung ist eine Gesellschaftskritik und nicht etwa eine wahnhaft tobende Selbstdarstellung. Und die Kritik zielt auf die immer noch gängige breite Akzeptanz von häuslicher Gewalt und des (für die Künstlerin) immer noch allseits gegenwärtigen Sexismus. Schön, kommt die Benennung von Gewalt einmal von einem weiblichen Animal Rationale. Umgangssprachlich: “Frau”.

Hannu Karjalainen in der Rotwand

Das Zuspitzen von verschiedenen Traditionen ist immer wieder eine dankbare und oft, auch im akademischen Sinne, ertragreiche Strategie. Dies zeigt sich auch in den Fotografien des finnischen Künstlers Hannu Karjalainen im Kunstraum Rotwand. Er widmet sich dem Porträt. Bis ins 19.Jahrhundert war es der Malerei überlassen, Persönlichkeiten abzubilden. Dann kam die Fotografie. In ihr sollte sich fortan die Frage nach der Selbstdarstellung hauptsächlich stellen. In einem fotografischen «Portrait einer Frau in einem grünen Kleid» des Künstlers – er wurde übrigens 2009 in Finnland zum Künstler des Jahres gekürt – sind wir denn auch ein wenig überrascht.

Hannu Karjalainen

Hannu Karjalainen, Portrait of A Woman in Green, 2009 Copyright Rotwand, Zurich Switzerland

Das grüne Kleid ist vor dem Ablichten vollends mit grüner Farbe durchtränkt worden, es ist künstlich. So gesehen ist diese Frau eine Inszenierung sondergleichen. Aber nicht als diese eine Frau. Das Grün stiehlt ihr definitiv die Schau. Zwar sind Porträts von je her inszeniert, doch die fiktive Komponente im Porträt hat so einen Haken. Wer ist schon so, wie er sich in einem Moment gibt? Wer kann schon seine ganze Identität, seine ganze Geschichte um einen Moment herum klittern und ernsthaft von Identität sprechen? Und dies gerade mit einem Medium, an welches der Anspruch gestellt wird, Schnappschüsse des eingefangenen Moments schlechthin zu liefern! Im Porträt einer Frau in grünem Kleid sind wir längst nicht mehr bei der Frau, wir sind inmitten der Hinterfragung eines der alltäglichsten Medien.

Hanne Darboven im SchauOrt

Die Klammer dieser Zeitreisen schliessen lässt sich mit der Gegenüberstellung zweier ungleichst zeichnender Künstlerinnen, zu sehen in der Galerie Ausstellungsraum SchauOrt. Zum einen die 1941 in Hamburg geborene Hanne Darboven. Auch sie, wie der eingangs genannte Dieter Roth, ist inzwischen verstorben. Bereits zu Lebzeiten aber erlangte sie weltweite Anerkennung in der sogenannten Konzeptkunst. Mitte der 1960er-Jahre ging Darboven nach New York und kam in Berührung mit dem Wegbereiter der Konzeptkunst, Sol LeWitt. Nicht die eigene Erfindung von Bildwelten, sondern das bereits existierende, das Objektive, häufig schon fast lexikalisch Definierte war Grundlage der Herstellung von Kunstwerken. Hanne Darboven entwickelte eine eigene, uniforme, systematische Schreibschrift, mit welcher sie zum Beispiel minutiös ein Werk aus der Literatur (das bereits klar Definierte) auf lose, linierte Blätter (ähnlich einem Notenblatt oder einem Stenoblock) übertrug.

Hanne Darboven, Atta Troll ( Detail) Copyright Galerie SchauOrt, Zürich

Hanne Darboven, Atta Troll ( Detail), 1988, © Image  Galerie SchauOrt, Zürich Switzerland


Heinrich Heines «Atta Troll» ist eine dieser kulturgeschichtlichen Vorlagen. So überzieht denn die Installation aus 125 schwarzen Rahmen eine ganze Wand im SchauOrt. Verstehen darf man diese Abschrift vom Inhalt her als eine Aufzeichnung von Geschichte, von der formalen Erscheinung her aber auch als Zeichnung, bei der sämtliche möglichen Facetten des persönlichen künstlerischen Ausdrucks bewusst ausgeblendet, um nicht zu sagen, ausgemerzt sind. An die Stelle der Attraktion durch den einem Künstler eigenen Strich tritt seitens des Betrachters sein eigener zeitlicher Aufwand, seine forscherische Neugier und sein Sich-Eindenken in die Abschrift eines Stücks Zeit- und Kulturgeschichte.

Irene Weingartner, die forschende Künstlerin

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Irene Weingartner, “Seismographische Aufzeichnung”, 2009, © The Artist & Galerie und Kunstraum SchauOrt, Zurich Switzerland

Die «Seismographischen Aufzeichnungen» Irene Weingartners, ebenfalls zu sehen im SchauOrt, konterkarieren dies. Die Aufzeichnungen zeigen einen ebenfalls alternativen Umgang mit der Zeichnung. Weder ist die Herangehensweise eine Abschrift wie bei Darboven, noch ist es reine Abzeichnung oder bildliche Darstellung mit eindeutigem Wiedererkennungswert. Dazu sind die Zeichnungen schlichtweg zu unterschiedlich gestaltet. Aber gerade die Zeichnung wurde einst in der Konzeptkunst als eigenständige Kunstform akzeptiert. In der Zeit davor war sie lange einfach Skizze, die lang vor dem gemalten Bild entstand, vielleicht eine Studie. Oder aber sie wurde technisch eingesetzt, als Plan, in der Architektur. Greift bei Irene Weingartner vielleicht ebenfalls der Vergleich des Forschens? In der Tat. Nur ist es diesmal wieder die Künstlerin selber, die mit dem Gehör forscht und bestimmte Klangcharakteristika gruppiert, so als würden wir nicht hören können, dafür aber sehen und deshalb erkennen. Ihre «Seismographischen Aufzeichnungen» berichten von akustischen und visuellen Signalen aus der Umwelt. Und frappant ist, diese Umwelt besteht aus Systemen. Die Chemie, ihre Verbindungen, werden modellhaft gezeichnet und fassbar gemacht.  Spannend wird es, wenn diese Nachbildung von Systemen eine erneute Übersetzung ins Zeichnen erfährt, nicht im Regelwerk von Noten, oder für die Allgemeinheit festgesetzten Symbolen wie in der Chemie, aber dennoch in Strichen, als  übersetzte Sinneswahrnehmungen. Soweit so gut. Was bringts? Nun ja, Erkenntnisgewinn. Denn, es ist ein wenig, als würde sie aus dem weissen Rauschen der Stadt, aus der Kakophonie von Lärm das nicht fassbare in eine andere Sinnenwelt, in den Sehsinn, übersetzen. Denn nicht immer kommt Kunst nur von Künstlichkeit, mit der Kunst lässt sich forschen.

(im Original erschienen bei © 20Minuten Online – “Die Kunstsaison hat begonnen – Ein Streifzug durch die Zürcher Galerien”, ©  20minuten online Zürich und Patrick Neithard)

Beständig aktualisiertes Programm der Zürcher Galerien unter http://www.dzg.ch

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