A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

Madonnas “MDNA” – Die DNA der Schamanin eines biblischen Begriffs Teil 1

 
 
 
 
 
 
 
 
Essay. Patrick Neithard. Zürich 15. April 2012

“MDNA” von Madonna. Laut Billboard die heissest erwartete Scheibe 2012. Seit dem 23. März ist sie da, und provoziert mit Ignoranz durchtränkte Kommentare. Beinahe schon wie

I`m like.. : Girl Gone Wild

Es hiess im deutschen Sprachraum beinahe unisono, das Wort „Girl“ komme viel zu oft vor, im 12. Album der inzwischen, oh Jesses! schon 53 -Jährigen. Der Look dieser Person, viel zu renoviert, und noch ein Album? Das sei ein herausgezögertes Ende! Keine ideale Männerfantasie. Dann lieber die: Madonna steht stutenbissig an der Wand. Vielleicht hätte dann ein Mann als erster Recht mit der Prophezeiung des Untergangs. Welche Trophäe, welch Totem der Meinungsbildung!

Nur eine dieser Fragen, ( aus einem Kanon von Anwürfen und Aussagen) scheint allenfalls plausibel. Ist „MDNA“ die Antwort an diejenige, die derzeit ganz fest am Thron der Queen of Pop säge? Die Antwort kommt gleich mit dem housigen Album Eröffner „Girl Gone Wild“: „It` s so hypnothic. I got that burning hot desire, no one can put out my fire.“ Der Song spinnt sich weiter. Zitiert Cindy Laupers „Girls just wanna have fun!“. Lauper setzte damit noch während des Thatcherismus (1983) im Tüllhochzeitskleid – fast so stylish wie Madonna in ihrem Clip „Like A Virgin“ – der jung-feisten Madonna ein erstes visuelles britisches Denkmal, als die Ära von MTV gerade mal angeborchen war. Pop wurde zum Dialog, transatlantic. Es sollte noch eine ganze Reihe weiterer Zitate folgen. Produktionen, die sich mittlerweile irgendwo zwischen romantisierendem Retortenpop des Producertrios Stock, Aitken, Waterman und schwülstig triefigem thumpa – thumpa Eurotrash anpreisen liessen. Knapp dreissig Jahre später genügt Madonna ein „They“, einziges Pronomen, eingeflochten in die Phrase „Girls just wanna have fun“. Als Statement. Über den heutigen weiblichen Nachwuchs. „Girls… They just wanna have fun“ gefolgt von der musikalisch schmissig untermalten Konsequenz dass (they) „get fired up like a smoking gun“. Sind es diese jungen, aufstrebenden Frauen des Showbiz allein, auf die Madonna als Person abzielt? Hat sie es nötig? Konkurrenz, es gab sie schon damals. Patsy Kensit (Nebenrolle neben David Bowie in Absolute Beginners) hauchte als Frontfrau der Band Eight Wonder 1986 „I`m not scared“. Samantha Fox, (Ex Seite Drei Girl) verzehrte sich mit „Touch me“ 1986 danach, berührt zu werden, nur eben ohne den katholizismuskritischen Hintergrund wie Madonna in „Like A Virgin“. Italien mischte sich mit Sabrina (eigentlich Sabrina Salerno) ein. Hatte Madonna mit der Boy Toy – Gürtelschnalle um 1984 noch auf die jahrhundertelange Unterjochung der Frau fokussiert, schien drei Jahre später allein Sabrina`s heisses Temperament zur Überwindung des Geschlechterkampfs zu genügen. Sie verkühlte in ihrem MTV Clip ihre eigenen Argumente zum Sommer Hit „Boys“ ( “Boys, Boys, Boys, I`m looking for a good time“ ) 1987 fast durchgehend durch einen Badeplausch im Bikini. Einmal über die Alpen, und heiss gehts ab. Madonna`s Clip zu „Like A Virgin“ hingegen schweift als abendlicher Ausflug von der Skyline New Yorks “hinüber”, ist eine Traumreise nach Venedig, in „die alte Welt“, in welcher „die Madonna” eben „den heiligen Markus“, (als Sinnbild in Form eines Löwen in Venedig überall monumental vertreten), eher im Geiste, denn real, trifft. Madonna befreit den Löwen aus dem Käfig. (Sie befreit das Sinnbild und gibt ihm einen neuen Lebensraum). Der Skandal war ebenso geschichtsträchtig wie das gewählte Zitat eben ein rein historisches war. Und Madonna übrigens nur in ihren Anfängen. Sie sang von der Errettung aus der Wilderness.

Die DNA ein Erbe, das Album „MDNA“ vorgemachtes Cheerleading an den Feminismus

Spassig groovy (mit produziert vom House Duo Marco „Benny“ und Alessandro „Alle“ Benassi) klingts drum heute auf der Scheibe MDNA vielleicht auch weiter in „Girl Gone Wild“: „I`m like – Hey-ey-ey! Like a girl gone wild. “ Liebhaber von Tom Wolfes amerikanischen Gesellschaftssatiren kennen „I`m like“ als typisch amerikanisches Idiom junger High-School Mädels unter sich, die jeden Erzählsatz mit „I`m like“ antexten und – es sei erlaubt zu sagen – mit geschwollener Bedeutung anschwängern. Das ist Slang pur unter (sehr jungen) Frauen, kultivierte Konversationsform, die den Mann von vornherein ausschliesst. Das in diesem nett kollegial geschunkelten Popsong vielfach besungene „Girls“ meint also simpel ernsthaften Girl Talk. (Und das ist auf gut Deutsch ein verbales Gespräch unter Frauen).

Madonnas erste Single-Auskopplung aus MDNA, der Cheerleader Song „Gimme all your Luvin`“ floppte zwar in England, in Amerikas Billboards hingegen stieg sie auf Platz 10 ein, womit niemand ausser dieser Madonna Louise Veronica Ciccone mehr Top Ten Hits jemals verbuchen kann ( Es sind 42). Lieblich feuert der Mädchenchor den Song an „L-U-V Madonna! Y-O-U! You wanna?!“ um dann ähnlich groovy wie in „Beautiful Stranger“(1999) oder in „Gambler“(1988) im Text sportiven Biss zu zeigen: „I see you coming and I don’t wanna know your name (/ L-U-V Madonna!) I see you coming and you’re gonna have to change the game“. Nicht weniger ironisch der Clip dazu. Madonna fährt im Trenchcoat einen Kinderwagen spazieren, räkelt sich zwischen American Footballern, lässt sich stagediven und befindet sich auf einer für ihre Verhältnisse arg zu klein geratenen Offbühne, schlechtes Licht und altbackene Samtvorhänge inklusive. Schliesslich aber fährt der Song zur Hauptmessage auf, die 808 Drums pausieren, und die Handlung ist quasi auf Zeitlupe justiert in einem DeLuxe Etablissement, just als die zwei featured female Singers Nicki Minaj und M.I.A., stehend notabene, dissen dürfen. Vorne nämlich, da räkelt sich die Queen of Pop bäuchlings, den Kopf mit wippenden Plastiklocken auf ihre french-manikürten Hände gestützt, neckisch schlenkern ihre holden Füsse in Peeptoes mit Riemchen, und das weisse hochgeschlossene Spitzenkleid ist bis über den Bosom und unters Ohr garniert mit Brillianten. (Wer weiss es, kommt so eine Puffmutter daher? Immerhin war sie auch dies schon in den Köpfen aller, sie war Madonna, sie war deren Gegenteil). Ganz im Hintergrund zappeln Cheerleaderinnen in marineblauen Cheerleaderkostümchen. Hölzerne Marionetten im Gleichschritt, heben sie die Beine in schwarzen Kniesocken mit weissen Streifen. Verirrte Tänzerinnen des Moulin Rouge. Und dies maskiert mit ein und derselben Mangamaske.

Den Blick aufs Wesentliche gelenkt

Der Stilberater weiss: In der Arbeitswelt, bei der Erfindung eines Image gehört die Farbe weiss nah zum Gesicht, sie lenkt zur Identität, zur Person. Diese Madonna in weiss lenkt den Blick auf sich. Und blickt uns neckisch amüsiert, fragend an: „Was schaust Du an? Wer von uns bist Du?“ Derweil sich der Tanzzirkus im Geschmetter von M.I.A. und Nicki Minaj als Dialog zweier Frauentypen anhört, die sich mit dem Frausein, coolsein, „give-a-shit-uranium-hit – Sein“ , dem Berühmtsein um jeden Preis auseinandersetzt. Und das klingt, beim zweiten Hinhören, nicht nach einem Austausch in der Wohlfühlzone, sondern nach Durchsetzung weiblicher Interessen (ja, es geht um Gleichberechtigung) im unverändert harten, unverändert durch den Mann dominierten Umfeld. Und die kann sich nicht durch Ideenlosigkeit langfristig manifestieren („Every record sounds the same, you gotta step into my world“) sondern mit nur einem Mittel, der Liebe, der Hingabe zur Sache. Darum auch „Gimme all your Luvin. Give it to me, now!“ Wer nur mit vorgetäuschter Raffinesse das „Sich selbst erfinden“ durchexerziert, sich aber konstant dem Kerngeschäft, der musikalischen Entwicklung verweigert, ( so wie Lady Gaga) verkommt zur Bild-, zur Imageschleuder und verpasst den Anschluss.

Die Selbstbefreiung der Frau (anscheinend ausrangiertes Modell von „Anno dazumal“?) hat sich inzwischen zur gefährlich hohlen Selbstvermarktung der Frau verselbständigt. Der immer heikle Übergang von Girlie zu Frau wurde bei Victoria Beckham medial nachvollziehbar. Nach dem Ende als Posh Spice in der Girl Group “Spice Girls” sattelte sie um und kündigte ihre Modekollektion an. Wirklich goutiert wurde dies nur mit Argusaugen und leichter Häme, und erst nach der dritten Kollektion. Sie war ein Ex Spice Girl, hatte die 10 goldenen Regeln des Girl Power propagiert, und ist heute Frau von David Beckham. Wenn sie also “ein Baby” vorzeigen sollte, dann bitteschön einfach ihr Kind, und nicht unbedingt eine Ausgeburt Ihrer Kreativität in Form einer Modekollektion, murmelte der Boulevard beinahe einmütig. Und wie sieht es bei Popstars aus, die anscheinend “Ins Alter” kommen? Deutsche Onlineschreiberlinge beiderseits des Geschlechtergrabens notabene schnippten Ende März 2012 Madonnas Alter ab und verlangten radikale Ehrlichkeit. (Spiegel online 23. März 2012) Madonna solle sich „ihrem Alter entsprechend, aber immer eben skandalös madonnaesk, doch jetzt bitte mit Lederhaut“ präsentieren. ( es genügt also nicht dass sie einen Kinderwagen vor sich herschiebt) Sie vergassen aber beim skandierten Ruf nach Authentizität, dass Manga, als reine Bildschleuder „zur Stimulation, zum Amüsement?“ auch im Westen um sich greift. Dass sich die hüben wie drüben übersexualisierte Gesellschaft kaum mehr daran stösst, dass dies karikierte Darstellungen blutjunger Frauen (Mädchen) sind. Dass selbst die Söhne und Töchter dies just konsumieren – weltweit. Und dass sie damit die Haltung kolportieren, weissagende Schamaninnen wirklich nur solche sein dürfen, wenn sie rauchen, wenn sie runzlig sind, alt aussehen müssen, um ihre treffenden Weissagungen, wenn auch nur im Film, etwa so wie in „Matrix“ , absetzen zu dürfen. Madonnas Blick aber fragt noch immer:

What are you looking at? (Vogue! 1990)

Madonnas Stippvisite in die Gosse New York Citys hob den im tanzenden Umfeld als „Vogueing“ bezeichneten Begriff 1990 in die Öffentlichkeit. Was Jennie Livingstone mit ihrem Dokumentarfilm „Paris is Burning“ (ebenfalls 1990) eindrücklich portraitierte, waren Possen reissende homosexuelle Puerto Ricaner. Diese imitierten auf Laufstegen in selbst organisierten “Shows” Modeschauen, hielten eine Pose wie ein Model auf einem Magazin Cover und grenzten sich so gegeneinander ab. “Shade” und “Vogue” entstammen als Underground Begriffe einem Wunsch, sich transformierende Bilder entgegenzuhalten, um damit vor allem Stolz ausdrücken. Als Lebenshaltung. Als Überlebensstrategie im Melting Pot. Madonna zitiert im Track “Vogue“ historische Stilikonen von Marlene Dietrich bis James Dean (“They had style, they had grace”) durch. Der Clip war in schwarz- weiss gedreht von keinem anderen als David Fincher und der Song rettete unter anderem die Platte „I`m Breathless“ zum gefloppten Film „Dick Tracy“ . Vor allem aber waren mit „Vogue“ die 90er eingeläutet worden, die sich als Ära der Selbsterfindung – als Garant der Ausdehnung der Kampfzonen – erwiesen haben. Flugs beendete Madonna vorläufig ihren Flirt mit Hollywood und legte im selben Jahr eine Compilation namens “Immaculate Collection” – mit darauf eben “Vogue” nach. Auf dass ihr keine Maschinerie wie Hollywood jemals ihr Lebenswerk beflecke.

Das Spiel, das Aufsprüren und Schaffen von Trends mit Images von der Strasse oder mit Ikonen vergangener Zeiten hat seine Kehrseite. Bei Madonna funktionierte Selbsterfindung bis dahin, man könnte beinahe sagen, sie habe erkannt, dass diese bei ihr mit „Vogue“ einen ersten Höhepunkt erreichte. Madonna gründete ihr eigenes Plattenlabel Maverick, und legte Alben vor, in welcher sie sich zwar selbst erfand, aber weit weniger nach den Sternen griff. In „Erotica“ war sie „Dita, your Misstress Tonight“, und mit „Bedtime Stories“ legte sie soulige Balladen vor, die sie in Clips meist mit sanften, weiblichen Tönen und Geschichten unterstrich. 1998 schliesslich gelang es ihr, mit „Ray Of Light“ ein Album vorzulegen, welches mit jeder Strophe eine weise, erfahrene, gereifte und dennoch jugendliche Frau zeigte. Sie studierte die Kabbalah, nannte sich unter anderem auch Ester, besang ihre frisch geborene Tochter Lourdes und den in jeder Note hörbaren unverwindbaren und ungreifbaren frühen Verlust der Mutter. Dass sie damit in der Dauer eines Songs psychologisch genauso als Ventil für unterdrückte Trauer funktioniert haben mag wie 90 Minuten “grosses augenwischendes Kino” wurde gern vergessen. Und alles untermalt von technoid arrangierten Sounds des Technomeisters William Orbit. Trotzdem ist es nicht ihr persönlichstes Album. Madonnas Alben sind alle persönlich. Madonna ist immer drin, wenn es draufsteht. Das ist die Grundlage ihres Schaffens. Grundlage des Gesamtkunstwerks Madonna.

Darum „Don`t play this stoopid game. Cause I`m a different kind of girl. Every record sounds the same, you gotta step into my world!“ kommt zwar für zartbesaitete KünstlerInnenherzen vielleicht hart daher, ist aber mit der hörbar einhergehenden Einladung auf eine ganze Flasche Wein ( Burgundy is fine!) eher schon liebevoll mütterlich gemeint. Wenn der Beat dann wie eine Waschtrommel Drehrichtung und Tempo wechselt, dann wird eben to whom it may concern die Kappe mal richtig gewaschen, der festgefahrene Pop-Dialog angetrieben.: „You have all the L-U-V -I gave you all the love you need. Now mooove!“. Das ist Madonna, die Tacheles auf dem Spielplatz macht und das eine oder andere Gör anspricht. Das ist die Wegbereiterin Madonna, die im virtuellen Raum des Pop öffentlich Wäsche wäscht und rotznäsige Gören / Gesangstalente wie Nikki Minaj und M.I.A., als stimmliche Hauptgäste in diesem Album, einlädt kurz reinzunölen: „Im a Barbarian, Im Roman. Brrr Huuuh, I`m Conan!“ Anders gesagt: Eurotrash wird als solcher benannt. Oberflächliches Starletgetue als solches entlarvt. Ob das Böse ist? Madonna hat als Katalysator oft die Rolle des Nestbeschmutzers bis hin zur Denunzierung eingesteckt, warum soll sie das Steuer nicht herumreissen wollen?  Ist das sündhaft? Eigentlich nein. Aber jetzt weiss man auch, warum dem ersten Song auf MDNA, „Girl Gone Wild“ der erzkatholische „Act of Contrition“, Standardgebet um Vergebung aller Sünden, vorgeschaltet ist. Denn wer sein Pulver zu früh verschiesst, (Wie Gaga, indem sie mit jedem zweiten Interview pikiert auf ihren Künstlerstatus hinzuweisen muss – und wie so manche zuvor) der oder die begeht in der Tat eine Sünde an sich selbst, sollte in sich gehen, statt blosses Imagezitat zu kultivieren. Sie ist nicht dafür bekannt, in Interviews in langen Sätzen zu sprechen. Das macht sie mehr zur Künstlerin, als es eine Gaga sein kann, die in jedem zweiten Interview pikiert auf ihren Künstlerstatus hinweist. Denn dieses Genre ist zwar auch irgendwie ein bisschen sehr Pop, heisst aber facebook.

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