A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

Ganz und gar eine Erfolgsserie, dieses “Downton Abbey”

von Patrick Neithard, Zürich

Es ist wieder einmal , fast, aber nur fast, schwelgerisches Eintauchen in alte Zeiten und Welten angesagt. SF 1 strahlt ab 6. Juli im Nachtprogramm um 22h20 (und in der Wiederholung Sonntags um 13h 40) die britische Erfolgsserie „Downton Abbey“ aus. Grosses fiktives Epochendrama um die edwardianische Gesellschaft von Drehbuch-Oscar-Preisträger Julian Fellowes.

Die englische Grafschaft Yorkshire, im April 1912. Auf dem Anwesen Downton Abbey sind die fünf ansässigen Familienmitglieder der Adelsfamilie Crawley erwacht. Will sagen, in Kürze trifft der pater familias, ein ansehnliches Prachtsexemplar, ein stattlicher „Papaaah“ namens Robert Crawley, (mit Hugh Bonneville absolut glaubhaft besetzt) seines Zeichens Earl of Grantham, im Saal am Frühstücksbuffet auf seine drei wiffen Töchter im heiratsfähigen Alter, die Ladies Mary (Michelle Dockery), Edith (Laura Carmichael) und Sybil ( Jessica Brown Findlay). Ein Flunkern hier, ein witty repartee da wird’s geben, wenn der Vater zu Tisch sitzt, denn die Weichen, sei es jene dieses Morgens wie auch jene seiner Familie, sie scheinen gut gestellt. Alles wird in diesem Moment seinen gewohnten Lauf nehmen.

Wie die Generation Techno, historisch

Und das kann es auch. Denn im selben Anwesen ist bereits zu verfrühter Stunde emsiger, durch und durch geplanter Betrieb. Die Bediensteten, überwacht von Butler Charles Carson (ein Butler war damals oberster männlicher Bediensteter, gespielt von Jim Carter) und der obersten weiblichen Haushälterin Elsie Hughes (Phyllis Logan) haben längst weit über das Frühstück und die Garderobe hinaus das Anwesen auf klar Schiff gebracht. Das englische (gekochte und gebackene) Frühstück ist servierbereit, dampft mit Kaffee, Tee und Milch im Silber um die Wette. Die Clochen, Warmhaltedeckel, Prachtstücke aus glänzend poliertem Silber hat der footman (ein eher mit öffentlichen, repräsentativen Ausführungen bepflichteter Diener des Adeligen Herrn) bereitgestellt, um die heiss dampfenden Speisen immediately and personally, heiss und, hoffen wir`s, auch aromatisch an den Tisch des stattlichen Papaahs zu servieren, nicht ohne noch hier und da eine Order des Hausherrn mit den valets, (ebenfalls persönliche Diener, im Gegensatz zum footman jedoch für den privaten Bereich zuständig) abgeglichen zu haben. Sie wartet also, die vollzählige Bedienstetenschar, blickt gespannt von den Fingernägeln auf diese Wand mit Dienstglocken. Und ein jeder wirkt dabei fast wie unsereiner heute. Wie wir, wenn wir alle drei Minuten das Handy taxieren. Und wirklich, es wirkt dann auch ein wenig wie eine analoge grosse Version solcher Monitore, nur dass eben das Bimmeln von mehreren SMS, von App-Newsflash-Benachrichtigungen und Kalendererinnerungen auf Downton Abbey noch Dienstglocken sind und die Bearbeitung einer Order, der Schrei nach Aufmerksamkeit am Ende doch wenigstens mit dem Lohn des Arbeiters vergolten wird. Gerade deswegen muss man dieses kolossale Werkstück sehen. Weil es uns in Quervergleichen durchaus auch aufzeigt, wie unsereiner heute sich selbst adelt ( indem wir uns mit allen Schikanen und Statussymbolen ausstatten und ans Zeitliche, ans Moderne binden) uns damit aber auch zu Bediensteten, zu “Medienjunkies” machen. Downton Abbey ist durch und durch bewegt und durchsetzt ist von Zeitdokumenten, die im Grunde auch heute, wenn auch in ganz und gar anderer Erscheinungsform, weiter existieren. Und weil sich offensichtlich mit dem ganzen Fortschritt in 100 Jahren manches eben gar nicht so verändert, sondern sich manches nur (in der Bedeutung) verschoben, in der Gesellschaftstruktur diversifiziert, verkompliziert und technologisch gesehen individualisiert hat. Ja wollte man es wagen, so liesse sich durchaus eine These unumstösslich aufstellen: Codes waren und sind die Herrscher der Welt, sie bestimmen über alle kommenden und vergehenden Zeiten hinweg. Mal den Habitus, mal das Erscheinungsbild, mal den Krieg, mal die Technologisierungsprozesse.

Zwischen display und Etikett

Das Gebimmel also. Klar, es ist Signal, auch so ein Code, nämlich der, dass jetzt die Herrschaften, fast auch in einem geregelten Zeitraum, wach wurden. Ab jetzt sitzt jeder Griff. Orchestriert, beflissen, routiniert. Ein bisschen wie in diesen inszenierten Operationen in Grey`s Anatomy. Es sitzen aber auch die kleinen, fiesen Dialoge. (Auch wie dort) Die ziehen wie die Winde aus allen Richtungen über den Golfstrom der Routine, kräuseln und schäumen die Meeresoberfläche. Massgeschliffene Pfeilspitzen, und zwar polierte. Das sind eine geknechten Mägde und geknebelte Knechte. Das ist friendly rivalry, anspornende Streitkultur. Sie sind Ebenbild der feinen adeligen Gesellschaft, nur dass diesem Bienenvölkchen der Adelsstatus fehlt. Schliesslich liessen sich die Adelsleute nicht lumpen bei der Auswahl. Und so hegt man keine Sekunde lang Mitleid. Findet es herrlich, das taxieren, das dissen. Es menschelt. Und wenn der (übrigens stockschwule) footman Thomas, (Rob James-Collier) mit den blass-edlen Gesichtszügen, elegant hochgewachsen, (darum übrigens weit wohverdienender als ein kleiner gewachsener seiner Gattung) behelmt mit dunklem, streng und glatt an den Kopf frisiertem Haar, befrackt, oder eher im Morgenfrack, manchmal mit mit weisser Fliege, fast wie sein Herr, dem giftelnden Stachel des Tratschs seines „Stammes“ ausweicht, ists überhöht elegant. Man stelle sich dies, als wäre man eine HD-Kamera mit Zoom, so vor: Wir sehn, von nah, eine gleissende Schlittschuhkufe, sie schneidet in einer grosszügig ausladenden Bewegung einen weissen, pulvrigen Kreisbogen ins wächsern noble Eis. Begleitet von einer Kaskade von Eissplittern, die in die Luft schiessen. Wir öffnen die Brennweite etwas, um den Eisläufer in voller Grösse sehen, wie er, balancierend, aufbauend auf der Kreisbewegung die schönste Pirouette gar nicht allein, sondern im Paarlauf hinlegt. Die Fussarbeit vrhindert mit ein paar Zähnchen an der Kufenspitze das Abgleiten. Das kraftvolle Einbolzen der Kufenspitze in eisigem Grund und Boden ermöglicht das konsekutive Springen erst richtig. Der footman ist in jeder Millisekunde um Haltung bemüht, in eisiger Luft wie auf dünnem gesellschaftlichen Eis. Und, genauso versiert eben, dreht eben dieser footman sich rücklings voraus (in den behandschuhten Händen die Gerichte) mit einem eleganten Dreh über die Ferse, tänzelnd, über die Schwenktür aus dem Bereich der Dienstleistung, Produktion, Instandsetzung hinein ins ersehnte Reich, der Bühne, der Welt. Hin zum Dienst am Adel, hin zu seinem Earl of Grantham.

Heftiges Kratzen an der Fassade

Und weil der Vergleich jetzt dann gleich gar nicht unbedingt mehr hinkt, wie wir gleich sehn, der mit den Elementen wie Wasser, als Eis, oder Stahl, in der Form von Schlittschuhkufen, so scheint es, als verlaufe an diesem Morgen beidseits der Schwenktür, hüben wie drüben alles nach Plan, in gewohnter Bahn, wie auf Schienen. Und noch während ein Telegramm aus der Ferne eintrifft, (Eisen, welches Durchschlagspapier mit Codes dringlichst insistierend beklopft), plättet zur gleichen Zeit das Bügeleisen der Zofe der Hausherrin Lady Cora Crawley, Gattin von Robert Crawley, moderne Mutter der drei schönen und eben auch überaus intelligenten Töchter, die vom Ehegatten lesend bereits etwas verknitterte Zeitung. Das geschieht weniger insistierend, eher noch im Sinn von “plätten”; so wie das früher hiess, wegen des Gewichts und des Nachdrucks, der diesem plätten innelag; als beim Telegramm, aber es knistert. Sehr sinnbildlich. Denn es wird einiges schon eine geraume Zeit lang glatt gebügelt. In dieser Epoche. Nicht nur seitens Dienstfamilie, auch seitens der Adelsfamilie. Modern ist die Lady Cora Crawley wohl, zum Beispiel nur schon weil sie diese Frau ist, die sich mit nackenlangen Locken begnügt, sich damit irgendwie recht emanzipiert gibt (kein Dutt, keine obligate Haartorte, hutlose Variante der Kopfbedeckung wie noch zehn Jahre zuvor im Viktorianischen Zeitalter). Und wie man kurze Zeit später sehen wird, ist sie überaus geschäftstüchtig, weil sie ihre Tochter (und das Erbe des Hauses) klug an den richtigen Mann zu bringen vorhat. Romantik, das war für die damals von gestern. Die Lady liegt noch in die Kissen gelehnt, ihr wacher Blick begrüsst das einströmende Morgenlicht, während eben ihre Zofe die inzwischen vom Gatten im Saal gelesene Zeitung mit dem längst wartenden, heissen Bügeleisen glattbügelt und die Zeitung dann auf das Bimmeln der Serviceglocke hin zur Ihrer Herrin bringt. Es passiert wirklich sehr viel in diesen Räumen dieses Downton Abbey, dieses Anwesens, so einer Art Miniversum, geöltes Uhrwerk. Und die morgendliche Sonne scheint in den Raum, das Painesgelb der Wände und die edelgrünen Zitterpalmen stimmen ihn auf ein warm goldenes, fast südländisches Ambiente ein. Wüsste man nicht bald, worum es geht, man wähnte sich ob all dem hin und her irgendwo in einem Hotel mindestens so südlich wie Ascona. Aber auch wenn vielerlei passiert, an diesem Morgen, weil so viele in diesem Anwesen so viele unterschiedliche, unersetzliche Rollen ausfüllen, ist dies alles eigentlich nur ein kurzer Moment, vielleicht die erste halbe Stunde dieses Morgens. Es soll aber der letzte seiner Art sein. Es sollen die letzten harmlosen Berührungen von Eisen und Wasser und Papier und Druckerschwärze gewesen sein.

Krieg, der Zerfall von Codes in Variabeln

Denn das Schwarz der Druckerschwärze auf dem Zeitungspapier, das Schwarz der Nachricht auf dem Telegramm bringt die Nachricht des Schiffbruchs. Des Todes. Anderswo nämlich, auf dem fernen Atlantik, traf Stahl ebenfalls auf Eis. Es ist der 14. April 1912. Der Tag, an dem die Titanic, ein Luxusliner, stählernes Flaggschiff und Wahrzeichen der industrialisierten, unsinkbaren georgianischen Gesellschaft Englands (Georg der siebte hatte die Krone inne), noch auf seiner Jungfernfahrt, auf einen Eisberg traf. Nicht mehr bremsen, nicht mehr ausweichen konnte. Ein stählernes Korsett, Gastgeber für ein Abbild der Gesellschaft, glitt unaufhaltsam auf messerscharfes Eis.Und sank. Dem eigenen Gewicht, der eigenen Gewichtigkeit erlegen, sehr,sehr sehr schnell. Eine wahre Trophäe war auf dieser Titanic gewesen, eine Trophäe der Geschaftstüchtigkeit gar, nämlich der Verlobte der ältesten Tochter des Hauses der Adelsfamilie von Grantham, der geistreichen, feurigen, beherzten Lady Mary. Weil es in dieser Famile der Granthams “nur” drei Töchter gibt, das gesetzliche Erbe aber ausschliesslich an männliche Nachfolger vererbt wird, wäre dieser entfernte Cousin die Rettung aus der gierig zuschnappenden biologischen Falle gewesen. Ertrunken, jetzt aber erst mal, der Traum. Und damit beginnt die Geschichte.

Not yet vogue-ish, but soon! Edwardian Style – zuletzt mit den Teds angesagt

Verklärende Geschichtsbilder. Sie reizen uns zum vorschnellen Griff in die Schublade “Kostümfilm”. Aber in Downton Abbey ist der Fokus weiter gespannt. Es geht um die Welt, sagen wir mal, eine Welt der nach wie vor hochgehaltenen, angestrebten Werte, denn diese, wenn auch durch und durch konstruierte, im Fiktiven Erzählmodus (mit “echten” historischen Aufhängern) dargestellte Downton Abbey Welt, meint, sie sei „unsinkable“, so wie die Titanic. Aber diese Gesellschaft weiss, in ihren verzweigten Kolonien und auch ganz nah auf der Insel Irland läuft es schon ganz und gar anders als gewohnt. Etwas nagt. Und dieser Adel ist nicht entrückt in eine andere Sphäre. Mit all den Bediensteten dringt das Denken, fliesst die Überzeugung der Arbeiterklasse weit hinein ins System des Adels, welche beide Gesellschaftsschichten in Überlegenheit wie auch in Abhängigkeit verzahnt. Das sorgt für allerlei witziger, aber auch tragischer Spannung. Und trotz aller Fiktion: Rein um Kostümchen in ein paar Episödchen geht’s also nicht. Die wirklich fantastischen Kostüme übrigens aber, (unter anderem Labels wie Alberta Ferreti, Julien Mc Donald) die haben der Costume Designer Crew unter Susannah Buxton einen Emmy eingebracht, nebst einem für die Kamera und für die “Beste Serie”. Die Silhouetten der Ladies, vor allem jene der jungen Generation, sind daher das erste mal ohne den balzenden Hintern zu sehen. Paul Poiret, in Frankreich, befreite die Damen damals Schritt für Schritt vom Korsett. Und die Herrenwelt erhielt im Zuge der modischen Gleichberechtigung eine Garderobe, die sich nach Uhrzeiten und nach der Garderobe der Damen richtete. (Teddies und Mods kopierten dann die Anzüge mit abfallenden Taschenverschlüssen und gerundeten Kanten erst wieder in den 1960ties) Begleiteten damit der Damen schlanke, fliessende Silhouetten, vorn wie hinten tief decolletiert. Das zeigt die jüngere Generation agil und von Rahmtupfern, aber auch vom Dauerkrampf mit der Zofe, ein wenig befreit. Julian Fellowes ist der Drehbuchautor dieses Gesellschaftsbildes. Geschickt und gelenkig, souverän, vollführen er und der Regisseur Brian Peraval (Dreamteam, und Vorbild für all jene, die immer noch das Einmaleins des Filmemachens, “Film ist im Fall Teamwork” noch einatmen) erste Pirouetten, (sie dauert sozusagen als Zeitlupe erst mal eine halbe Stunde) Die zwei zeigen bildstark das Einhebeln der Zacken, aber auch das Gleissen der Schlittschuhkufen, (um nochmals das Eis und den Stahl zu bemühen) und zeigen eine durchskulpturierte, wohlgeformte Gesellschaft. Zahn um Zahn fügt sich passgenau ins Getriebe. Das wirkt ähnlich glatt und gesäubert antiseptisch wie in diesen Zukunftsfilmchen der nuller Jahre. In denen alles durch genetische Schlüsselung längst im Klon erst mal durchgespielt wird. Im Ablauf sind sie sich gleich. Die Welt funktioniert. Bis sich der Abgrund der eigenen Irrungen auftut. Krieg, Krise, History! Geschichte, ständiges Auf und Ab, eine Pleuelstange eben, sie hält schon sehr lang alles auf Takt. What goes up, must come down.

We just wanna thank you, Oscar

Rauf gings bei Julian Fellowes schon 2002. Bereits dann erhielt er für „Gosford Park“, den Oscar für das beste Drehbuch. Ein typischer Robert Altman-Film. Tee um vier, Dinner um acht, Mord um Mitternacht. Krimi nach Mass, situiert in einer Zeit. Robert Altman-Filme sehen ist ja, rein vom sich Stützen auf die Figuren, und das durchspielen derselben her, und wie sie aus ihren meist recht knappen Dialogen heraus zu voller Statur emporwachsen, ein wenig wie ein harmloseres (das Drama ist wenigstens auf eine klitzekleine Gesellschaft begrenzt) Gegenstück zu „Thomas Mann lesen“. Letzterer hat ja ebenfalls die Gesellschaft mit fiktionalen Personen nachgeformt. Wurde als Autor der “Buddenbrooks “ zum “Weltklasse-“, ja gar „Weltformat-“ Literaten mit Literaturnobelpreis (ein wenig später erst, 1930 schliesslich). Und musste sich damals von den Lübeckern einiges gefallen lassen, weil sich so mancher einer nach 1900 darin wiedergefunden haben soll, in dieser eigentlich stark autobiografisch installierten Geschichte des Niedergangs einer Familie. In welchem die Handlung schon 50 Jahre zuvor dazu angepfiffen war, zum Sturz in den Abgrund zu driften. Eine eitle Haltung ist`s drum, wenn sich dann die echten Lübecker Jahrzehnte danach da plötzlich drin erkennen wollen. Ob Julian Fellowes nun allerdings so etwas wie ein zweiter „Thomas Mann des Films“ ist, weiss man jetzt noch nicht – autobiografisch angehaucht ist`s aber allemal. Seine Frau Emma nämlich ist grad so eine Tochter, an der das Erbe des Adelstitels vorbeirauschen wird, wenn ihr Vater , b`hüetigott, nicht mehr unter den Lebenden weilen wird. Mit der Fasziniation fürs ständische hat ers also etwa gleich wie der Thomas Mann. Wie heftig sich da der Abgrund um Downton Abbey noch auftut, man weiss es noch nicht, die dritte Staffel ist erst in Arbeit. Bleibt zu hoffen, dass die Schöpfer immer wieder auch den Historiker Paul Thompson konsultierten. Der schrieb mit “The Edwardians” ein umfangreiches Portrait genau jenes Menschenschlags.

Mit Nachhall

Aufwändig ist diese britische ITV – Produktion. Nicht unbedingt eine horrend barock aufgeblasene Kostenschleuder, auch wenn sie pro Folge auf 1 Million britische Pfund geschätzt wird. Das ist nicht so sehr hoch wenn man bedenkt, dass Highclere Castle in Hampshire als Drehort fungiert. Studioaufnahmen gabs für die Szenen in den Bedienstetenräumen. Die erste Staffel umfasst ursprünglich sieben Folgen mit zwischen 45 und 60 Minuten variierenden Spieldauer. Sky Cinema Deutschland hat die Gesamtspielzeit der ersten Staffel dann zu vier Folgen in Spielfilmlänge montiert. Ein Merkmal dafür, wie hochstehend die Produktion gefertigt ist. Und nebenher wird auf Effekthascherei wie jenem des obligaten Cliffhangers grosszügig verzichtet. Das hat zweierlei Gründe. So etwas ist wirklich nur möglich, wenn die Dialoge klar, sinnvoll, klug und überraschend oft mit Witz gesetzt sind und sich ab Beginn aus allen Erzählperspektiven heraus die gesamte Kraft einer Geschichte entfalten kann. Sozusagen Eistorte bleibt Eistorte, egal ob geviertelt oder geachtelt. Sonnenklar, dass die Ingredienzen stimmen müssen. Vielleicht steckt also etwas Robert Altman in dieser Kiste, denn genau diese Vielfalt der Perspektiven wird wohl am besten mit einer Vielzahl Figuren etabliert. Von vielen guten Schauspielern, die alles tragen. Dialoge sitzen präzis, und wenn diese in einer Location ausgetauscht werden, deren Vorhänge von vornherein schon moltoniert sind, damit der Klang authentisch rüberkommt, will sagen der Schall gedämpft wird in all den tapezierten und ornamentierten, mit Art Nouveau geistgetränkten Räumen. Währenddessen alles, was in den Bedienstetenzimmern so abläuft, wirklich auch im Tonbereich nach „nur ein Bett, ein Laken und eine Kerze und höchstens ein Leintuch als Vorhang” klingt – und nach ziemlich schlecht geschreinertem Mobiliar. Ikea ist erdebensicher dagegen. Also die Schubladen, die glitten da gar nicht. Die holperten und klemmten. Es sind ja nicht nur die Figuren und Bilder tragend im Film, wirklich, der Ton macht die Musik –hier ganz besonders. Und jetzt eben, die Schauspieler. Eigentlich hat sie “nur” eine Nebenrolle, Maggie Smith, als verwitwete Violet, Gräfin von Grantham, aber auch sie wurde gleich mit einem Emmy belohnt diesmal. In Gosford Park, der Julian Fellowes ja eben den Oscar einbrachte, spielte sie bereits mit. Klar, auch da, eine Lady. Adlig. Maggie Smiths Blicke allein sind es wert, von Gosford Park über Harry Potter bis nach Downton Abbey strahlen diese Augen stoische, eherne, eiserne Haltung aus. Sie ist da fast schon die Mutter des stoischen Blicks.

Übrigens, der Blick strahlte durch über sechzig Filme und noch mehr Theaterstücke hindurch. (Sie wurde 1934 in Essex geboren) Und in Downton Abbey scheint der Adel nicht besonders auf den Adel zu bestehen, selbst wenns um die Sicherung des Erbe`s geht. Sich zu adeln war ja früher diesseits wie jenseits des Ärmelkanals durchaus gang und gäbe war. Im Vordergrund stand erst mal die Sicherung des bisherigen, weil dann doch Biologie und Geschichte ( wie hiess das noch, ah richtig, Realien) ins Geschehen eindringen. Puncto Persönlichkeit verschmilzt Maggie Smith jeweils zum gesamten Ideal, der Identität. Und diese Identität dient übrigens der Verantwortung, selbst den Bediensteten gegenüber. Es klingt zwar manchmal, als würde sich jemand über einen Ferienplatz für den Hund unterhalten, aber der Bedienstetenstaat stand unter dem Schutz der Moral des Adels. Vielleicht ein wenig ein Reflex. Festhalten an Werten auf der Insel, wenn in fernen Kolonien Aufruhr gegen den eigenen Stand herrscht. Es ist also eben kein Ränkespiel etwa wie in Milos Formans (1989) und Stephen Frears` (1988) “Gefährliche Liebschaften”-Adaptionen, wo sich die französische Oberschicht kurz vor Ausbruch der französischen Revolution (immer wieder gern entlehntes Stilmittel, Hochblüte einer Gesellschaft und deren abrupter Zerfall) nochmals so richtig mit intriganter Lust aneinander versündigt, sondern Downton Abbey ist ein Psychogramm eines „ganzheitlichen“ Bewusstseins der anscheinend eher englischen Gesellschaft. Denn wie sich zeigt, waren diese Adeligen sehr darum bemüht, ihren Bediensteten nicht nur Arbeit und Sold, sondern auch Sicherheiten und Garantien zu bieten.Wer dagegen handelte, ragt als arrogant hervor. Man ist geneigt, zu vermuten, dass die britische Monarchie wenigstens in ihrem Kern eben deswegen bis heute durch einige sehr bewegte Zeiten hindurch gut weiter existieren konnte, ohne den Anschluss an grosse aufklärerische Denker auszublenden.

Aber es ist gerade die Denkform, die einiges geregelt hat. Die Gesellschaft wie auch deren Biologie. Und da wird es sehr, sehr archaisch,wenn diese Witwe die Grossmutter dreier Enkelinnen ist, ihr das Gesetz jedoch vorschreibt, dass nur das männliche Prinzip erbt. Wenn dann noch der trügerische Technikglaube hineinspielt und zum Zünglein an der Waage wird, hinsichtlich des Erbes, dann ist klar, dass diese ausdruckvollen Gesichter, vor allem jenes der Maggie Smith, plötzlich den leichten Hauch eines Hundegesichts mit Kulleraugen bekommt, der in gedrängter Erwartung winselnd und wie Espenlaub zitternd Hunger signalisiert. Da Zittern dann die Federn der alten Hüte gleichfalls um die Wette, wenn nicht vehement, dann doch von Contenance bedeckt. Wie ein feines Erdbeben. Die Frage aber bleibt lange: wer war es, wer ist es letztlich, der das Erbe gefährdet? War es das (angelsächsisch gottgegebene) Gesetz? Wars der Irrglaube, alles sei inzwischen „unsinkable”? Weit tragischer dann wird dies, wenn dann wirklich alles an den Abgrund fährt und so mancher männlicher Erbe im Krieg hinweggerafft wird. Das ist ja heute nicht anders. Ein klein wenig ist man geneigt, zu sagen, “die waren schon recht modern in ihren Auffassungen über sich selber”, ganz einfach weil wir heute mit diesem globalen Wir-Gefühl meinen, wir seien furchtbar modern. Der Irrglauben, wir hätten allein schon mit Computern und USB Sticks ganze Regenwälder geschützt, weil Rohstoffe (Holz, Papier) gespart, ein Irrglaube eben. USB Sticks sind aus Erdöl, auch ein Rohstoff, ein knapper, und der Stromverbrauch aller „Individuen mit einem eigenen Computer“ ist, einfach überirdisch hoch. Vor nur fünf Jahren hiess es ja auch noch nicht, die Wirtschaft ganzer Nationen sei unsinkable, und man meinte, die Werte an Märkten seien unshrinkable. Nicht nur die Marktwerte, auch die moralischen, die ethischen.

Irgendwie ist diese Wiederholung von Geschichte in so beinahe schwelgerischen wie verführerischen Stoffen eben darum so sehr interessant. Weil man irgendwie plötzlich, mit zeitlicher Distanz halt, ausgiebig sinnieren kann. Darüber, was wirklich Fortschritt ausmacht. Und solange man sich spiegeln kann, auch in der Vergangenheit, auch in nicht so helvetischen, direktdemokratischen Werten (obschon zwinglianische Korrektheit und allseitiges Bewusstsein noch vor gar nicht langer Zeit hier überall gang und gäbe war). Hierzulande kann man man gut und gern reichliche Überbleibsel eines monarchistischen Habitus erkennen. Wenngleich er, wenn überhöht, eher katholisch und französisch gefärbt ist. Noch die alten Solothurner, die waren standesbewusster mit ihrer Verehrung für die französische Monarchie und der Ausrichtung ganzer Kathedralen Richtung Versailles. Auf dem “Land sonst” erinnern schweizweit Schlösschen und Burgen an die Habsburger Überbleibsel der Vogterei, in dieser aber inzwischen urbanisierten Demokratie muss man schon sehen, solche Serien können einiges bringen. Für irgendwas und von irgendwoher kam ja der Ausruf der Kawallerie.

Nice to see you dear.

Auch das Wiedersehen nach langen Absenzen stehen schauspielerisch ins Haus. Mit der „Secrets & Lies“ – Darstellerin Phyllis Logan ( Mike Leigh, 1996) – als gestrenge, aber eigentlich auch mit ihrer Aufgabe hadernden Haushälterin in Downton Abbey. Wer meint, die Dienerschaft hatte damals keine Wahl, täuscht sich. Es gab auch sonstige Knochenjobs. Das andere Wiedersehen ist mit Mary Doyle Kennedy, die schon in „The Commitments“, als Maria herself , noch so einem Erfolgsfilm aus den UK, spielte, und erst neuerdings in „The Tudors“, als Katharina von Aragon wieder zu sehen war. In Downtwon Abbey ist sie in einer Nebenrolle als „eine Ehefrau von“ zu sehen. Ohne Familie. Gross bleibt das Projekt „Downton Abbey“ aber erst recht bis hin zur dritten Staffel (die ist im Moment in Produktion). Denn, die Schwiegermutter Maggie Smith, einzig in Gesprächen mit ihrem Sohn – dem pater familias – resolut, und das elektrische Licht im Anwesen ihres Sohnes macht sie keinesfalls moderner gestimmt, trifft dann auf die Oscar Preisträgerin Shirley MacLaine. Die spielt dann Lady Grantham`s Mutter aus Amerika. Das kommt irgendwie ein bisschen spät. Erklärt aber im Nachinein ( wie im Leben manchmal auch) warum die Lady Grantham recht progressiv ist. Denn bis in die dritte Staffel hinein geht es weiterhin darum, den allseits genehmen neuen Ersatzerben zu finden. Eben den, welchen die Titanic und das auf Eis gelaufene gesellschaftliche Bewusstsein auf dem Gewissen haben. Schon jetzt wird heiss angerichtet, dass es sich beim Eintreffen von Shirley MacLaine als Martha Levinson um ein auch schauspielerisches, auf jeden Fall Funken sprühendes Zusammenprallen zweier grundsätzlich verschiedener Frauentypen handelt. Im Internet kursieren jetzt aber schon heftige Meldungen, Maggie Smith habe sich im Verlauf des Drehs der dritten Staffel aus dem Drehbuch schreiben lassen. Die dritte Staffel handelt übrigens in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, zu Zeiten des Versailler Vertrags 1921. Erstaunlich, wie viele Parallelen nach hundert Jahren auszumachen sind. Man lasse sich also nicht vom Fortschritt blenden. Zeiten ändern sich eben nicht. Sie gehen, und sie kehren wieder.

Staffel 1 derzeit SF 1, Staffel 2 geplant auf 2013 auf SF1.

Wer nicht warten mag: iTunes oder DVD.

Copyright 2012 Patrick Neithard, Zürich, All rights reserved. Do not use or reproduce without permission.

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