A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

dOCUMENTA (13) Erneuerte Wahrnehmung, pluralistische Zugänge

Eine Textsammlung in loser Folge
von Patrick Neithard, 
Kassel und Zürich 31. Juli 2012

Wenn die künstlerische Leiterin der Weltausstellung documenta im Vorfeld nach aussen hin vorgibt, “kein Konzept zu haben, vielleicht sei dies das Konzept”, so hagelt es Kritik. Es gilt als kokett. Es provoziert Skepsis.

Skepsis ist Programm

Skepsis steht, wie sich zeigt, bei Carolyn Christov – Barkagiev, der diesmaligen Leiterin der dOCUMENTA (13) als eine Haltung, wenn es um das Finden von Zugängen zu Kunst in der Gegenwart geht, zielführend im Vordergrund. Zweifelt man also inskünftig besser, statt vorgeblich die Wahrheit zu kennen? So grossartig, wie die diesjährige Kunstausstellung mit über 200 Werken von den Weisen des Lebens erzählt und Erkenntnis erzeugt, so komplex und nur fragmentarisch erfahrbar ist sie, die dOCUMENTA (13). Sie fragt: Um welche Wahrheiten dreht sich unser weltliches Verständnis? Wozu stellt die Kunst diese Frage? Etwas provokativ gefragt: Ist es nicht die Rolle der Wissenschaft, Erkenntnis zu generieren, sie zu bewerten, nach neuesten Erkenntnissen zu revidieren? Und, wer oder was ist Inhalt dieser Erkenntnis? Kommt die Erkenntnis auf den Hund? Welche Antworten gilt es derzeit zu finden? Anregend, die Position, die Christov -Barkagiev vertritt. Erstaunlich viel Halt finden die Argumente im fast 1800 Jahre alten Skeptizismus, der hier Leitbild gewesen sein soll. Vor 1800 Jahren war er eine erhebende Antwort auf allzu dogmatische Strömungen der Philosophie gewesen. Und nach diesen Regeln erhebt sich der Zweifler zu methodischen Höhenflügen des Denkens:

Zehn skeptizistische Anhaltspunkte, die dOCUMENTA(13) beflügelnd:

“Die Lebewesen überhaupt, die Menschen untereinander sind verschieden voneinander. Sinnesorgane sind verschieden. Auch die Zustände der Individuen sind verschieden”. Ob Mensch oder andere Organismen. Ob ästhetische Schule oder Wissenschafter-wie der eine wahrnimmt, kann vom andern nicht festgemacht werden.”Lagen, Entfernungen und Orte sind ebenso verschieden.” In der globalisierten Welt sind die einen hinter Monitoren verschanzt, während andere kaum Zugang zum Internet haben. Koexistenz der Kulturellen Vielfalt. Globus gleich Melting Pot? “Die Wahrnehmung der Objekte ist stets vermischt mit der Wahrnehmung von anderen Objekten.” Man kennts: Fernseher, Bügeleisen, iPhone, Bratpfanne. Gern alles gleichzeitig. Mensch lässt ja nichts anbrennen. “Je nach Verbindung erscheinen die Dinge verschieden.” Hier gehts nicht um die Blickwinkel, sondern die Vielheit der Dinge. Eine Gans ist eine Gans.Thanksgiving. Ein paar Schafe, Kühe, Katzen und Karnickel dazu, bald ists ein Bauernhof. Dinge im Nebeneinander wahrnehmen bietet Kurzschlüsse, Ideen, Zündstoff und Reibungsfläche. “Es gibt Relativität.” Wir wissen heute, Einstein beispielsweise schaffte beides: wissenschaftliches Denken setzte er mit seiner Relativitätstheorie neben beinahe künstlerisch schöpferisches Denken. “Es besteht eine Abhängigkeit von der Anzahl der Wahrnehmungen.” Je mehr Eindrücke, umso mehr Wissen besteht, umso mehr verändert sich das Bild des Wissensgegenstands.”Es besteht eine Abhängigkeit von Bildung, von Sitten, von Gesetzen, von religiösen und philosophischen Anschauungen.”

Ein Denken also, welches rasch zugestehen muss, dass ein auf den Menschen allein fixierter Blick, ein anthropozentrischer Blick keine globalen Lösungen bringt. Dass ein anthropozentrischer Blick eben nicht mondän, kosmopolitisch und nebenher noch “globalisiert” ist. Sondern sich nur um zwei Kategorien dreht. Um Politik. Um Wirtschaft. Ob dies dann zu einer Katergorie kondensiert zu Macht wird, bleibt offen.

dOCUMENTA (13) Ein Nebeneinander der Methoden

Heute, hier und jetzt ein solches Denken im Zusammenhang mit der dOCUMENTA (13) anzuwenden, ist gleichzeitig ein Glücksfall und eine Methode. “Die CCB”, wie die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Barkagiev bei den Besuchern in Kassel inzwischen liebevoll genannt wird, sieht die Gründe darin, dass jedes noch so programmatische, thematisch ausgedachte Ausstellungskonzept selbst pointierte politische Positionierungen hinter ein Managementkonzept zurückdrängt, weil die Arbeiten stets unter dem Titel gelesen werden (siehe dazu Katalog zur dOCUMENTA(13) Band 2, Logbuch, Interview ab S. 266). Selbst wenn diese Titel frei, breit angelegt, möglichst offen gewählt werden. Die Kunst wird kuratiert, die Kunst wird gemanaged. Doch gilt dies auch für eine Weltausstellung wie die documenta? Konzepte bilden Grenzen, sie sind die Ufer eines Teichs, immer in Sichtweite. Der amerikanische Konzeptkünstler Lawrence Weiner sagte es bereits 1989 in einer Arbeit auf einem im Hafengewässer Hamburgs schwimmenden Holzbarren.“ WE ARE SHIPS AT SEA NOT DUCKS ON A POND” Wir sind Schiffe auf dem Meer, nicht Enten im Teich. Wir brauchen ein Bewusstsein, das über Konzepte hinausgeht.

Kuratorische Erfahrungen sammelte Carolyn Christov-Barkagiev im New Yorker P.S.1 (welches man zum Museum of Modern Art zählt) an der 16. Sidney Biennale von 2008, oder zuletzt im Castello di Rivoli in Turin, wo sie als leitende Kuratorin, aber auch als Direktorin waltete. In der Schweiz ist sie spätestens seit ihrem Katalogtext zu Willie Dohertys Austellung In The Dark in der Kunsthalle Bern 1996 bekannt. Es folgten Monografien zum südafrikanischen Künstler William Kentridge und zur kanadischen Künstlerin Janet Cardiff. Spätestens seit der Publikation Arte Povera, Themes and Movements 1999 bei Phaidon Press gilt sie als Expertin auf dem Gebiert der italienischen Arte povera. Ist es die Kunsthistorikerin, die aus Carolyn Christov-Barkagiev spricht, wenn sie sich zu den heutigen Fragestellungen kuratorischen Schaffens äussert? Wenn sie sagt, der Begriff des Kurators sei bereits weitestgehend institutionalisiert, und ihr sei es daher nicht möglich, Kunst “unter einem Thema” , oder eben “nach einem Konzept” zu bearbeiten. (siehe dazu ebenfalls Katalog zur dOCUMENTA(13) Band 2, Logbuch, Interview ab S. 266). Vielmehr will sie Räume öffnen, Grenzen dehnen. Aber auch Grenzen eindämmen, verengen. Was steckt hinter dieser Ambivalenz? Und kann man wirklich fragen, wie es dazu kommt?

Sozusagen im Blut hat die 1957 als Tochter eines bulgarischen, nach Turin ausgewanderten Arztes und einer italienischen Archäologin Geborene bereits das Analysieren, das Ausgraben. Und das neu Entdecken. Ungezwungen geht sie mit Erinnerung, mit Prägung um. Das zeigt sich, wenn sie von einem Aufenthalt in einer archäologischen Ausgrabung erzählt, zu der sie als Kind die Mutter begleitet hat. Sie erinnert sich nicht explizit an Fakten, es sind eher atmosphärisch aufgeladene Erinnerungen. Nach der Trennung der Eltern 1964 wuchs sie bei ihrer Mutter auf, die rege Kontakte zu Gegnern des Vietnamkriegs gepflegt haben soll. Sie besucht in Washington eine französische Privatschule, schliesst mit dem Baccalauréat ab. Zum Studium der Kunstgeschichte und Sprachwissenschaften zieht es sie nach Pisa, Lizentiat 1981, mit einer Untersuchung zum Verhältnis zwischen Amerikanischer Malerei und Poesie, veranschaulicht am Verhältnis des Abstraktem Expressionismus bei Frank O`Hara und Poesie. Inzwischen ist sie verheiratet mit dem Römer Performancekünstler Cesare Pietroiusti, sie sind Eltern zweier Töchter, das Leben pendelt zwischen New York und Rom, zwischen eigenen Kultivierungen und durch die Töchter auch jenen einer neuen Generation. Und so sagt sie es denn auch nicht selten, die dOCUMENTA (13) sei eben nicht eine Ausstellung “über” etwas, weshalb der kursierende Arbeitstitel “Collapse & Recovery” nicht im mindesten greife. Dass gerade ein solcher Titel zirkuliert, zeigt, wie sehr im Umfeld der Kunst nach wie vor Erwartungshaltungen an die Kunst bestehen und bestimmend sind. Sie bestehen in allen Bereichen der Kunst, von der “Leistungskunst” (als instrumentalisierte Form zur Gabe im Tausch), zur Markt – oder Galeriekunst hinüber zu den Institutionskünstlern, deren Werke selten verkauft und doch stets in Themen- und Gruppenausstellungen gezeigt werden, und sei dies nur, um beispielsweise dialogisch den Bogen abzurunden.

Gestern, heute, morgen

Doch Kunst hat den Anspruch auf Autonomie. Die Erwartungshaltung, Kunst müsse stets kontextualisierbar sein, weist gerade den Anspruch der Autonomie der Kunst in sehr enge Schranken. Die Gründe für den Wunsch nach einer raschen Verschlagwortung und Kontextualisierung liegen auch in jenem System, welches das System Kunst mit ausmacht. Von der ersten Agenturmeldung über die Feuilletons bis hin zur Kunstkritik verlangt die Zeit ein einordnen, gliedern, erklären. Dies sind die “Dinge” welche zählen. Könnte es tatsächlich sein, dass die Kunst in den vergangenen Jahren ausserhalb ihres Ereignisses und unter dem Einfluss von denkerischen Innovationsdruck katalogisiert, gewertet und verwertet wurde? Läge es an Quoten? An heimlichen Grabenkämpfen der Institutionen ums Überleben? Und an den vorangegangenen documentas? Selbst in einer Zeit wie dieser, in welcher eine kapitalistische Krise Druck auf vieles ausübt, wäre es bestimmt gelegen gekommen, eine art documenta, die illustrierend zeigt, was ist. Wissen wir denn, was ist? Liegen Lösungen in der Kunst? Welche Schaulust! Den in der Kunst stattfindenden Kampf zwischen Politik und Ästhetik mit einem eindeutigen Ergebnis ausgehen zu sehen! Ein wenig infam. Die dOCUMENTA (13) ist nicht eine Leistungsschau, wie es etwa alljährliche andere, eher regionale Kunstmessen bisweilen sind. Die dOCUMENTA (13) ist eine Weltausstellung mit unterschiedlichen Zugängen – und heuer für ein sehr heterogenes Publikum. Wie kam es dazu? CCB greift hier selbst in die Geschichtenkiste. Sagt, dass die vorhergehenden und die zukünftigen documentas Bezüge zur jetzigen dOCUMENTA (13) seien. Das ist…plausibel, wenn man drei vorhergehende anschaut.

documenta X: Theorie! Fakten! Poesie

Man muss in der Geschichte der documenta, zumindest bis zu jener von 1997 vorgreifen. In den drei vorangegangenen Documentas ( X bis XII) haben sich diese zwei äusserst markante Themenschwerpunkte Politisierung, und Ästhetisierung herauskristallisiert. Die documenta X, 1997 erstmals von Frauenhand geleitet mit Catherine David, befragte die Gegenwart zum Thema Politics&Poetics Beziehungen und Entwicklungen in politischer und gesellschaftlicher Theorie und künstlerischer Praxis. Mit dem dicken, grossformatigen silbergrauen Katalog wurde die stattfindende Aufbereitung der Theorie, die “wenig Kunstkritik, aber ein dichtes Gefüge von Bildern und Texten aus den Jahren 1945 bis 1997 enthält” ( so das Vorwort), sichtbar. Kritik an diesem “Konzept” der Annäherung der Theorien (Ästhetiker, Soziologen, Philosophen) an die Kunst und letztlich auch an den Alltag musste Catherine David dafür häufig einstecken. “Zu theorielastig” hiess es. Dies obschon gerade dadurch aufgezeigt werden konnte, in welche Richtung sich die akademischen Traditionen entwickelten. Wie sich selbst die Kunstkritik im Zuge des Feminismus neu bestimmen musste. Gegliedert wurde der dicke Einbänder “Politics&Poetics” um einer chronologischen Übersicht willen mit vier markanten Jahreszahlen. Von 1945, dem Ende des zweiten Weltkriegs, führt er durch die Jahre des Aufschwungs weiter zum Jahr 1967. Es steht als Wendepunkt, die sich abzeichnende Krise, für das Schwinden des (kapitalistischen) Utopieglaubens. Die Überwindung der Krisen bilden 1978 einen erneuten Wendepunkt. Diesmal nun mit den zersplitterten ideologischen Gegenkräften zu Europa wie China und der damaligen Sowjetunion, um in der Folge bis hin zu einer Restrukturierung und Flexibilisierung des globalen Kapitalismus und dem Ende des bis dahin real existierenden Sozialismus mit dem Mauerfall um 1989 hin zu führen. Die letzte Phase des Katalogs dcoumenta X “Politics & Poetics” von 1989 bis 1997 schliesslich fokussierte bereits in dokumentarischer Form zunächst auf neue Krisenherde. Golfkrieg. Ethnischen Säuberungen und Massaker in Jugoslawien. Es galt, alte und neue Hierarchien und Zentralisierungen in der Zeit kurz nach dem Ende des kalten Krieges zu spiegeln. Neuen Bündnissen wie die Verträge von Maastricht standen Zivilisationen in der globalisierten Welt gegenüber, verwiesen auf das Bedürfnis nach neuen Formen der politischen Zentralisierung. Das Urbane wurde mit dem Hinterland konterkariert. Es stellte sich nach wie vor die Frage, inwiefern die Kunst, ja mit welchem Potential die Kunst in welchen Gebieten auf welche Weise politisieren solle. Die documenta X nahm entscheidend Einfluss für die folgenden Jahre. Strategien der Simulation und Dokumentation unterschiedlicher Alltagsrealitäten (industrielle Produktion, Generierung von Wissen um eine kulturell vielfältige, scheinbar zusammenrückende Welt, Kulturen und Subkulturen, kapitalistische Hierarchien oder dem Umgang mit Information und Medien, mit medialen Fragestellungen) nahmen überhand. Die Londoner Wanderausstellung “Sensation” zeigte die Young British Artists, zeitlich im Anschluss an die documenta X. Über 110 Werke lieferte Ansätze, die an der documenta X in Theorien zum Tragen gekommen waren, bereits das Bedürfnis konstatiert hatten. Das Bedürfnis nach einer Kunst, die den menschlichen Alltag aufzeigt. Den Menschen aus der Seele spricht.

documenta 11 : Medialisierung und postkoloniales Denken

Die 2002 folgende Documenta 11 wurde als erste von einem Nicht-Europäer, Okwui Enwezor, geleitet. Als einem Einschub sei erinnert: Die documenta 1 im Jahr 1955, mit ihrem Ursprung in Kassel, war gedacht als eine Ausstellung moderner Kunst der 1920er bis 1930er Jahre (in Deutschland als abstrakte Kunst bekannt, zur Zeit des Nazionalsozialismus jedoch als “entartete Kunst” stigmatisiert). Das im zweiten Weltkrieg zerbombte Deutschland meldete sich damit zurück. Möglicherweise trug sie in der Ausarbeitung durch den Gründer, dem Kunstprofessoren und Designer Arnold Bode den Kerncharakter einer Weltausstellung bereits in sich. Mit der documenta 11, 2002 dann, in Okwui Enwezors Händen, gedieh ein Konzept, welches sich auch in der Radikalisierung der Idee einer Entortung – unter den Vorzeichen der Globalisierung gedacht – kristallisierte. Zur Spiegelung von Politisierung und Ästhetisierung in der Kunst als Teilhabe an Demokratie bildeten vier sogenannte Plattformen_ 1 bis_4 mit Seminaren in Wien/Berlin, Neu Delhi, St. Lucia und Laos eine Art diskursives Museum zum weit gespannten Themenfeld “Demokratie, Rechtssysteme und Globalisierung”. Diese Vorträge, Seminare, Gespräche, genannt Plattformen gingen dem “typischen” Ausstellungsort Kassel als fünfte und letzte Plattform_5 voraus. Theorie vor Praxis. Hätte man allein auf eine radikale Umsetzung des Konzepts gesetzt, so hätte genau diese letzte Plattform nicht in Kassel stattgefunden, um mit Nachdruck eine Entortung im Zuge der voranschreitenden Globalisierung zu – veranschaulichen. Im Zuge der Umsetzung des Konzepts schwenkte die im Grunde stark (geo-)politisch gefärbte Idee jedoch ein – auf eine auch ästhetische Fragestellung. Sie verband als ein grosses Merkmal (geo-)politische mit ästhetischen Belangen, häufig mit dem Mittel der Medialisierung als formalem wie ästhetischem Mittel. Konzepte wurden an den documentas immer mitbedacht.

Die Documenta 11, im besonderen die Plattform_5 in Kassel mit den Kunstwerken befragte die gängigen Aesthetiken, im Zuge der Medialisierung wurden die dokumentierenden Kunstformen Fotografie, Film und Video kritisch auf ihre allgemeine Gültigkeit befragt. Die sehr hohe Anzahl der Werke in diesen Medien verlangten nach Formen der Präsentation in der Ausstellung, die hinter ein strenges, gleichförmiges kuratorisches Konzept zurücktreten mussten, um überhaupt in einer solchen Zusammenstellung erfahrbar gemacht zu werden. Kleinen Kinosäälchen zeigten die aufwändigen Produktionen. Mit einem Nebeneffekt. Die Kunst musste sich hier über weite Strecken selbst vermitteln. Damit wanderte sie gleichzeitig jedoch auf einem sehr schmalen Grad zwischen Dokumentation auf der einen Seite, aber auch der Instrumentalisierung der Kunst auf der anderen Seite. Denn dem medialisierten Moment, dem “es war so” / “es ist so” stand ein, dem Vorbild des White Cube folgend, durchgestyltes räumliches Umfeld gegenüber, welches beinahe wie eine kapitalistische Klammer wirkte. Eine Art Medienkonferenz. Angenehm vermischt zwar, gefährlich trügerisch dennoch.

Denn die ausgestellte Kunst war in manchen Teilen mit einer Vorreiterrolle, der Rolle der Akkulturation behaftet. Die Verschlagwortungen (Medialisierung, Sexualisierung, Simulation der Kriege, Zerstückelung der Identität im Zuge der Globalisierung) folgten rasch. Doch künstlerische, kuratorische oder theoretische Praxis aber standen nicht verbunden miteinander, sondern etablierten sich an der documenta 11 von 2002 als einander zudienende, sich häufig auch gegenseitig zuspitzende, konterkarierende Bereiche. Die documenta 11 schien ein Bewusstsein zu spieglen, welches in ein und dasselbe ReportageMagazin für Kunst und Globalisierung verfasst. Was war daran Politik? Was war daran Aesthetik?

documenta 12 : Weg von Kunstmarkt, von White Cube und “ausschliesslich zeitgenössisch”

Die documenta 12, geleitet von Roger M. Buergel und Ruth Noack wartete 2007 mit einer weiteren Befragung zu Politik und Aesthetik auf, die sich diesmal jedoch nicht in einem theoretischen Diskurs abspielte, sondern, durch das Spannen eines grösseren Zeitbogens mit sehr vielen Kunstwerken auch aus dem letzten Jahrhundert (ein Schwerpunkt von 1950 bis 1980 war auszumachen, er trat an die Stelle der ungschriebenen Regel, dass die documenta Kunst zeigt, deren Produktion maximal zwei Jahre zurück liegt) mittels der Kunst selbst. “Drei Fragen an die Kunst und das Publikum” waren zielführend auf ein Hauptthema hin. Jenem der Vermittlung, als einem Kontrapunkt zum Kunstmarkt. Die ersteFrage “Ist die Moderne eine Antike?” suchte nach Klärungen von Begriffen, Vorstellungen, Visionen, Utopien, die unter die Schlagworte “Kultur” und “Identität” fallen. Die Frage “Was ist das blosse Leben?” bezog sich auf ein Zitat aus Walter Benjamins Kritik der Gewalt welche eine Weiterführung durch den italienischen Philosophen Giorgio Agamben gefunden hat. Im Angesicht der Apokalypse beschrieb Walter Benjamin Gewalt als eine körperliche Erfahrung mit Steigerungsformen bis hin zur Ekstase, welche die Kunst bisweilen ebenso beglückend in Höhen treiben könne. Es blieb im Themenfeld der Gewalt aber bei einer rückwärtsgewandten Sicht, aktuelles Denken, zum Beispiel auch aus der Soziologie, welche diese Themen bearbeiten, wurden nicht berücksichtigt. Das “was tun?” versuchte, einen globalen Prozess der Vermittlung in Gang zu setzen. Er sollte auch die kulturelle Übersetzung von Kunst in einen globalen Kontext erreichen. So hiess es dann auch, “ein Publikum zu bilden, bedeutet, nicht nur Lernprozesse anzustossen, sondern für eine Öffentlichkeit tatsächlich zu sorgen. Heute erscheint ästhetische Bildung als die einzige tragfähige Alternative zu Didaktik und Akademismus auf der einen und Warenfetischismus auf der anderen Seite.” Vielleicht durfte die documenta 12 als Einladung verstanden werden, den Bezug auf die theorielastige dX und die globalisierte d11 Antworten zu liefern. Weil sie den Mut zeigte, die Frage nach einer Autonomie der Kunst ohne die mit ihr verwachsenden Systeme stellte. Im Lichte der documenta 12 erschienen ihre beiden Vorgänger wie documentas der Globalisierung. Bezeichnend war das bewusste Fehlen von Angaben wie der Herkunft des Künstlers. Der Katalog erschien erst zur Halbzeit der Ausstellungsdauer, enthielt wenig Katalogtext zur Kunst. Ebenfalls kam es zum Bruch mit der Präsentationsform “White Cube”. Teilweise monochrom farbig gestrichene Wände, ganz so wie sich Farbe und Textilien auch im Interior Design als eine Antwort auf das neue Bauen durchgesetzt hatten, verleiteten athmosphärisch zum Eindruck einer Verschränkung von Öffentlichkeit ( dem Kasseler Kontext) mit dem eher privaten, persönlichen, subjektiv gefärbten Bereich, unterstreichend für das Merkmal der documenta 12 schlechthin, dass viele nur in lokalen Kontexten bekannte Künstler und eine Distanznahme zum Kunstmarkt mit seinem Starsystem bei der Programmierung Pate gestanden hat.

dOCUMENTA (13)Pluralimus. Die gute Gegenwart der Skepsis

Und nun die dOCUMENTA (13). Sie wird sehr unterschiedlich aufgenommen. Manche mögen an ihr das Verrätselnde, das Narrative. Andere stossen mit Skepsis hinzu, wenn sie nicht nur zeitgenössische Kunst sondern auch jahrtausendealte Objekte sehen. Die Bandbreite der “Teilnehmer”, zu denen sich selbst die Künstlerische Leiterin zählt, ist nicht auf explizite Berufsgattungen wie jener der bildender Künstler beschränkt, sondern bildet eine Plattform für eine ganze Reihe von “Produzenten”. Physiker, Übersetzer, worldly companions (geschultes Personal aus der Kunst fremden Fachbereichen, eingesetzt für Führungen), gesellen sich zu Archäologen und Künstlern, zu Kritikern, zu Kulturtheoretikern, Historikern und Pädagogen. Im Zentrum, so scheint es, steht die Kunst. Und wie ist es mit der Peripherie? Sie wird ja gerade mit den so unterschiedlichen Teilnehmern eingeführt und, nach der Manier des Skeptikers, ergründet. Individuen nehmen unterschiedlich wahr, weshalb es keine allgemein gültige Bestimmung, und auch keine allgemein gültigen Schlüsse über Wahrnehmung geben kann. Ein Geist, eine gute Gegenwart der Skepsis weht durch die dOCUMENTA (13). Weht an vier verschiedenen Orten.

Kassel, der Ort schlechthin, ist das Zentrum “die Bühne”. Hier wird inszeniert, überhöht. Es wird gründlich neu reflektiert. Beinahe zeitgleich, in Kabul (vom 20. Juni bis 19. Juli 2012) hingegen, heisst das Thema “Unter Belagerung”. Kann Kunst, in einem Zustand, einem Umfeld der Belagerung, überhaupt vermitteln? Soll sie das? Und was bedeutet es für Besucher in Kassel, denen der Besuch in Kabul nicht möglich ist? Finden sie dennoch Antworten? Im dritten Ort, in Alexandria – Kairo (vom 1. bis 8. Juli 2012) geht es um “den Zustand der Hoffnung” und schliesslich im Kanadischen Banff (vom 2. bis 15. August 2012) um “den Rückzug”. Nicht unähnlich der documenta 11 finden die Ereignisse auch ausserhalb von Kassel statt. Doch geschieht es jetzt mit den Vorzeichen der Gleichzeitigkeit. Veranschaulicht, wie die Leistungsgesellschaft mit Pluralität, mit Multitasking, mit Absenz einerseits und dem Irrglauben der allseitigen Präsenz duch Medien Umgang pflegt. Es gibt keinen Königsweg als Zugang zu Kunst. Kunst ist eine Welt der Pluralitäten, und nichts ist dem Leben näher.

Bei Hatje Cantz erschienen sind:

dOCUMENTA (13) Katalog – Das Buch der Bücher. Katalog 1/3, (Deutsch) oder (Englisch), Carolyn Christov-Bakargiev, Ayreen Anastas, Franco Berardi Enthält Aufsätze von Carolyn Christov-Bakargiev und Chus Martínez zu den Postitionen und Kernthemen der dOCUMENTA (13) . Den Grossteil des Buchs der Bücher macht die darin enthaltene gesamte Publikationsreihe 100 Notizen – 100 Gedanken Kunstwerke der dOCUMENTA (13) aus.

dOCUMENTA (13). Das Logbuch/The Logbook. Katalog 2/3 (Deutsch/Englisch) Dokumentation der Entstehung der dOCUMENTA (13) in Text und Bild aus der Sicht der Künstlerischen Leiterin. Zahlreiche Notizen, Handyaufnahmen, Interviews, Emails. Im Insert die definitive Ausstellungsansichten kurz vor der Pressekonferenz.

dOCUMENTA (13). Das Begleitbuch/The Guidebook. Katalog/Catalog 3/3, Eine Doppelseite, ein Künstler einschliesslich Kurzbiografie und Begleittext

dOCUMENTA (13). 100 Notizen – 100 Gedanken. (Notebooks) Schriftenreihe, broschiert

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This entry was posted on July 31, 2012 by in dOCUMENTA (13).
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