A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

dOCUMENTA (13) Erretten, Erinnern, Zerrinnen: Drei exemplarische Umgänge mit Malerei.

Patrick Neithard, Kassel & Zürich
31. Juli 2012

Mohammad Yusuf Asefi: Übermalen um zu retten

Mohammad Yusuf Asefi 2011 Non-figurative aquarel painting. Dare Shamali

Der Islam. Wir wissen im Westen gewiss nicht alles über diese Religion. Aber wir meinen zu wissen, der Islam, in der Kunst, der verbietet jegliche figurative Darstellung. In der Rotunde des Museum Fridericianum ( die künstlerische Leiterin nennt es liebevoll “das Brain”) finden wir ein Objekt von Mohammad Yusuf Asefi. Es ist recht klein, und zeigt eine farbenfrohe Landschaft. Und birgt ein Geheimnis in sich. Es ist kein Trojanisches Pferd. Von wem ist es? Wer hat es gemalt? Mohammad Yusuf Asefi. Er wurde 1961 in Kabul geboren. Ist ausgebildeter Mediziner, und, wie schön eigentlich in der Kombination, auch ausgebildeter Maler. Mohammed Yusuf Asefi ist aber auch so etwas wie der Erretter der figurativen Darstellung. Ab den 1990ern bis um das Jahr 2000 übermalte er Ölmalereien. Nicht irgendwelche, sondern explizit figurative Bilder eben, von Gestalten, Tieren und Menschen. Er bedeckte sie mit Aquarellfarben. In der Nationalgalerie. Nicht als Akt der Verwüstung, sondern als Akt der Errettung. Als die Taliban schliesslich vor Ort zur Stippvisite einmarschierten, gab er vor, diese Gemälde der Nationalgalerie bloss zu restaurieren. Er rettete damit über 80 Gemälde afghanischer Künstler. Geblendet von der erneurten Strahlkraft dieser idyllischen Landmalereien in Aquarell ritten die Kavallerien der Taliban weiter, schliesslich hatten sie zum Ziel, sämtliche nicht–islamische Kunst auszurotten. So rettete Mohammad Yusuf Asefi Bilder von Abdul Aziz, Abdul Kadir Brishna oder Gulam Mohammed Maimaneghi. Letzterer ist ein Professor an der Kabuler Fakultät der bildenden Kunst. Sie alle hatten sich dem Diktat der Religion nicht beugen wollen, und sie alle konnten ihre Kunstwerke wieder besichtigen, als die Aquarellfarben (wenn auch mühsam) wieder abgewaschen war.

Yan Lei: Verschwinden, allmählich. Übermalen um zu Erinnern

Yan Lei. Limited art Project. 2011-2012. Installation View at initial Point ( June 2012) Documenta Halle. copyright d13 & the artist

Yan Lei malte, fleissig. Queen Elizabeth II., Nicholas Sarkozy. Einen Erste-Amtszeit-Vladimir Putin. Einen Wahrholschen Mao Tsedong. Eine befreite Janet Jackson. Die St. Paul`s Kathedrale. Die winterlich havarierte Costa Concordia. Vermeer van Delfts Mädchen mit dem Perlohrring, fast schon durchsichtig blässlich, dünn, nur noch ein Webbildchen. Hier ein paar belanglose Stilettos. Weit oben schwebt eine weisse Seerose, artifizell hyperästhetisiert und alltäglich verwendet als ein typischer Computer-Bildschirmhintergrund. Als der chinesische Künstler Yan Lei für die dOCUMENTA (13) Bilder für sein “Limited Art Project 2012”aus dem Internet fischte und malte, geschah dies nicht ganz so zufällig, wie dies auf den ersten Blick in der räumlichen Installation in der Documenta Halle vermuten lässt. Innert einem chinesischen Jahr (es dauert nur 360 Tage) suchte er täglich ganz bewusst nur ein Bild. Übertrug es in Öl auf Leinwand. Ein bisschen wie Tagebuch führen. So ist dieser hintere Raum der Documenta Halle voller Bilder unterschiedlichen Formates bis unter die Decke behängt, geradezu schüchtern nur noch blitzt das Weiss des Aussstellungsraums durch.

Yan Lei. Limited Art Project 2011-2012. Installation View in the documenta Halle, d13, 2012. copyright d13 & the artist

Ein zusätzlicher Bildlagerschrank ganz in weiss kommt in der Kakophonie der Farben und Sujets prächtig zur Geltung. Verführt zum Aufziehen der Schubladen. Auch der, voller Bilder, die einen Sujets sichtbar, die andern monochrom übermalt. Aufhängevorrichtungen lassen Bilder von der Decke hängen, so als wäre man im Orientteppichmarkt. Oder als wäre man nochmals jung in den 80ties und blätterte durch die Posterausstellung im Warenhaus. Hamiltonbildchen hier, Südseerevival. Heute nicht anders als vor dreissig Jahren? Zumindest auch als blickte man in einen virtuellen Raum. Als würde man gerade im Cover Flow Modus auf dem iPhone Musikalben durchstöbern. Jahrmarkt der Bilder. Und dazwischen mehrere monochrome Bilder, die beim näheren Hinsehen eine Übermalung erahnen lassen.

Yan Lei. Limited Art Project 2011-2012. Detail view of the progressing limitation July 26th 2012. Documenta Halle

Mit Malerei über Malerei sprechen?

Was aber das Projekt erst zum Projekt macht, zum “Limited Art Project” ist dies. Die Bilder werden sukzessive übermalt. Monochrom. Diese monochromen Bilder werden täglich bis zu 5 mehr. Denn abends transportieren Auszubildende der nahen Volkswagen Werkstatt Baunatal bis zu fünf Bilder in die VW-Lackierwerkstatt. Dort werden die Bilder in typischen VW-Wagenfarben lackiert, dann getrocknet, um dann wieder an den ursprünglichen Platz in der Documenta Halle gehängt zu werden. Erst so spielt das “Limited Art Project” mit den bereits im Titel anklingenden Grenzen. Das Erschaffene Bild steht hier ganz arg unter dem Einfluss eines Künstlers, es ist beinahe prekäre, wie er es uns zeigt, aber auch wieder entzieht, und so auch den Bilderstürmer mimt. Dem “Kunstwerk auf ewig” Grenzen setzt. Wo alles mit einem Mausklick ersichtlich ist, lauern Irrtümer. Yan Lei macht aufmerksam auf die (mitunter auch trügerische) Verfügbarkeit der Bilder durch das Internet. Auf deren Gleichwertigkeit. er setzt mit einem postfordistischen Akt, dem maschinellen Anstrich dieser Umgangsform mit Bildern und dem Ewigkeitsanspruch ebenso Endlichkeit entgegen. Noch zugespitzter gesagt, zwingt dies uns dazu, den global verfügbaren Bildern ( aus dem Internet) unsere Realität in unserem Kopf, unserer Erinnerung entgegenzustellen. Dass er so nebenher einige Praktikanten eines Industriegiganten beschäftigt, gegen gute Bezahlung, ist ein zu Ende gedachtes konzises Konzept zu Malerei. Ganz nebenbei gesagt: Mit den Medien der Malerei über Malerei sprechen, geht eben doch! Der spannende Moment wird sein, wenn so mancher Besucher im Internet eine Fotografie sehen wird. Mit lauter einfarbigen Bildflächen. Sind es dann noch Bilder, oder sind es Erinnerungen, mit welchen wir vor den Bildschirmen rätseln: “Schau mal, das da war doch die Queen”? “Nein, das war Mao Tsedong. Die Queen war das da. – Oder?”

Gustav Metzger: Malerei um zu Erinnern? Nicht immer

Gustav Metzger. “Too Extreme. A Selection of Works on Paper by Gustav Metzger Made from 1945 to 1959/1960” 1945 -1959/1960

Die Putzfrau der Londoner Nationalgalerie Tate Britain sah es Ende August 2004 noch so: Sie kam, sah Müll vor einem Gemälde in der Ausstellung Gustav Metzgers –und entsorgte kurzerhand ohne grosses Brimborium das Gewurstel. Reine Beflissenheit. Doch bei dem “Müll” handelte es sich um Kunst, um einen transparenten, mit Zeitungen und Karton vollgestopften Sack, den Gustav Metzger zum abstrakten Gemälde gestellt hatte. Als Kunst. Denn Gustav Metzger arbeitet seit den 1960er Jahren nicht nur mehr ausschliesslich in Malerei sondern hat sich dann der Zersetzungskunst zugewandt. Den wichtigsten Moment sah er in seiner einstigen Erkenntnis, “dass er ein Verständnis dafür entwickeln müsse, dass sich nicht alles zwingend im Wachstum befinden müsse”. Fortan wandte er sich dieser Form der Aktionskunst zu, die beispielsweise den Verfallsmythos in den 1960ern zelebrierte. Mit Säure bepinselte er vor den Augen der Besucher Leinwände, machte die Besucher gleich vor Ort zu Zeugen des Zerfalls. Autodestruktive Kunst aber sind nun die auf der documenta (13) gezeigten Zeichnungen bis 1960 nicht.

Malerei selbst entdecken

Und zwar sind sie sehr prominent, ganz im Zentrum der documenta Halle zu sehen, und dennoch, man muss sie entdecken, weil sie aufgrund ihres alters allesamt mit Lichtschutzdecken abgedeckt sind. Was sie damit “zeigen “, ist vielmehr auch etwas, was von der Geschichtsschreibung fern gehalten worden war, weil sie der Künstler selbst für 45 Jahre weggepackt hatte, sie erst 2010 wieder hervorholte. Too Extreme: A Selection Of Drawings by Gustav Metzger made from 1945 to 1959/60 enthält eine ganze Reihe unterschiedlicher, auks hunderten ausgewählten Zeichnungen. Bleistift, Kreide, Rötel, Kohle. Einleitend verrät Band 3 documenta(13) das Begleitbuch nur, dass in der documenta Halle “einige Kunstwerke die durchdenken, was Malerei heute ist” wie das Begleitbuch es nennt, ausgestellt sind. Im Fliesstext zum Künstler wird auf die Zeit der Aktionskunst ab 1960, jene Periode, mit welcher Gustav Metgzer eher bekannt ist, eingegangen, doch die Vermittlung verhält sich konsequent spartanisch im Umgang mit einer historischen, theoretischen Kontextualisierung. Kein Text, keine Erklärung. Sie erschliesst sich auch nicht, wenn über des Künstlers Leben erklärt wird. Gustav Metzger wurde 1926 in Nürnberg als Sohn jüdischer Vorfahren geboren und überlebte während des Holocaust auf den britischen Inseln dank des Refugee Children`s Movement. Was danach folgte, ist seinen Zeichnungen abzulesen. Manche Bilder, die an Kriegstraumata gemahnen, wirken blutig, triefen von bedrohlichem rot-schwarz, so dass beissender Rauchgeruch, vermischt mit demjenigen versengter Haare sich mit der imaginierten Teilnahme an einem unermesslichen, fiktiven, kollektiven Schmerz vermischt. Andere Zeichnungen wirken unversehrter zunächst, fahren zärtlich gütige Gesichtszüge nach: Melancholie und Grauen umfassen Augenhöhlen, deren Augen “es” gesehen haben müssen. Andere Gesichter wirken wie vorbeihuschende Schatten, vielleicht die Erinnerung an eine schöne, junge Frau, nur aus dem eigenen Erinnerungsraum heraus zu Papier gebracht (was wohl aus ihr wurde?) Verliebtes Umzirkeln lieblicher Wangengrübchen, Anmut ausstrahlende Nacken, Hochsteckfrisur. Klassische Matronenfiguren. Oder einfach nur übergross trauernde Mundwinkel. Tuschzeichnungen lassen ein höchst wohlgeformtes Proportionsgefühl und Leichtigkeit, den elegant pipettierten Fluss aus der Schmelze zwischen intendierender Hand und Pinsel mit Malmittel erahnen, wenn kopflose Körper in schwarzem Tusch andeutungsweise sportiv in die Mitte des hochweissen Blattes gesetzt einem agilen, überlebenswilligen Ideal nacheifern. Jenem Ideal, welches nach dem Krieg als Echo nur noch, begleitet von abgewürgten Schluchzern, bleierner Gefühlslosigkeit, Schweigen, zermürbenden Hungers und einer Todessehnsucht, mehr fallend als noch sich erhebend, über einen Erinnerungsgraben hinweg, in den Köpfen gewesen sein muss. Oder überwunden werden musste. Weil es weiter gehen musste. Geschichtsschreibung. Auch basierend auf Entdeckung, Imagination, Fiktionalisierung.

Bereits 1950 war Gustav Metzger ein Aktivist- entschieden gegen Atomwaffen protestierend, ebenso entschieden bereits gegen einige Folgen des auferstehenden Kapitalismus ankämpfend, so zum Beispiel gegen die fortdauernde Umweltverschmutzung. 1959 legte er dann mit einem “Manifest für eine Form öffentlicher Kunst für industrielle Gesellschaften” den Willen, ausschliesslich zu Malen, vorerst ab. Was danach als Malerei von Gustav Metzger folgte, war hinsichtlich eines Anspruchs auf Ewigkeit von der Lebensdauer zwischen wenigen Augenblicken und maximal 20 Jahren liegend und hatte kompromisslos Destruktion zum Inhalt.

Dem Trauma Grenzen setzen. Den Dingen so ein Ende setzen. Vielleicht ist das radikal, ( verschwunden sind die Zeichnungen ja nicht, sie sind leibhaftig da) vielleicht aber ist es auch einfach die Notwendigkeit, den Bruch mit sich selbst, mit der eigenen Identität als Maler zu erlauben, oder den Trieb, die Wut als Bestandteil der Trauerarbeit zumindest zu sublimieren. Von der eigenen Person zum Dienst für das Kollektiv wechseln. Auf der Spirale des eigenen Wachstums manches schlafen zu lassen, um es aus einem anderen Blickwinkel erst wieder zu betrachten. Und erst damit der Gesellschaft das Ziel, sich zu wandeln, vorzuleben. In dieser Demut letztlich die dazu notwendige, krampflose Kraft zu finden. Hände zu öffnen, loszulassen. Geben.

Stöbern Sie in weiteren Beiträgen zur dOCUMENTA (13) in loser Folge

Copyright this blog / article 2012 Patrick Neithard, Zürich. Do not use or reproduce without permission

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