A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

dOCUMENTA (13) Zwei oder drei Dinge aufgrund derer ich vielleicht weiss

Zwei oder drei Dinge aufgrund derer ich vielleicht weiss

Artikel in loser Folge zur dOCUMENTA (13) Folge 3

Patrick Neithard zur dOCUMENTA(13) 
Kassel und Zürich, 31. Juli 2012

II. documenta,1959. Julio Gonzáles, Installation view. courtesy the documenta archive and Arnold Bode

Rückblende als Annäherung an ein “Brain”, an ein Herzstück der dOCUMENTA (13)

Julio Gonzáles war nicht persönlich an der documenta 2 im Jahr 1959. Er starb bereits 1942 noch vor Ende des zweiten Weltkriegs. Doch es fanden sich Arbeiten aus Eisen und Stahl und Bronze des spanischen Künstlers aus dem Umfeld von Picasso an jener documenta 2. Jener documenta eben, die “Kunst, Malerei, Druckgrafik nach 1945” zeigte. In der Sammlung des Initianten der Weltausstellung, Arnold Bode, fand sich eine Aufnahme von 1959. Deren Urheber ist unbekannt. Die Aufnahme zeigt eine Frau, die -vom Haarschnitt bis zu den Knöcheln im Doris Day-Look, aber barfuss-an den Werken von Julio Gonzáles vorbei geht. Mit der linken Hand berührte sie, vielleicht in Interesse, Neugier, Bewunderung, Andacht versunken, ihr Kinn, vielleicht die Lippen. Ein Mann, von der anderen Seite her das Eisengestell entlang gehend, im Anzug wie man ihn von Jean Paul Sartre kennt, wich ihr vielleicht aus. Blickte vielleicht auf dasselbe Kunstwerk, blickte vielleicht kurz auf das Profil der Fau. Von dieser Begegnung zweier Menschen, die so unterschiedlich an den Werken von Julio Gonzáles vorbeigehen im Museum Fridericianum scheint eine Fotografie eines Unbekannten zu zeugen. Mit oder ohne Autor – es ist ein Zeitdokument.

II. documenta, 1959. Installation view with works from Julio Gonzáles. Courtesy documenta archive and Arnold Bode

Eine weitere Fotografie aus dem selben Jahr, 1959, ebenfalls aus dem Nachlass des 1977 verstorbenen Arnold Bode, zeigt das Eisengestell aus einer anderen Perspektive, einem um 90° verschobenen Blickwinkel, jenem entlang der Wand. Die Werke von Julio Gonzáles gliedern sich ein in eine ganze Reihe von Plastiken. Rechter Hand öffnet sich der Raum in Richtung der Abteile. Im Zentrum von Arnold Bode`s Aufnahme aus seinem Nachlass steht ein ganzer Bereich der Ausstellung. Die drei Plastiken von Julio Gonzáles machen sich jetzt eher klein aus. Sie verschwinden beinahe. Der Raum ist menschenleer. Und doch voller Zeitzeugen.

Hier weht der Wind! Zurück in der Gegenwart

“I need some Meaning I can memorise ( The invisible Pull), 2012” An invisible, sensual, perceptual and highly intellectual Installation with wind by Ryan Gander

dOCUMENTA (13), Kassel, 2012. Wer das Museum Fridericianum betritt, sich um 90° nach rechts dreht, zuerst in den rechten Flügel geht, dem weht Wind entgegen. Der Wind riecht nach nichts, doch erinnert er an die Windschwellen der Einkaufszentren der 1980er im Winter. Die vertikale Windbarriere hielt die Warmluft im Kaufhaus, während draussen Wind und Wetter tobten. Der Wind an der dOCUMENTA(13) hingegen weht am verengten Eingang, und zieht wie eine Brise, und wallt wie in unsichtbaren Segeln durch die beinahe leer stehende erste Halle. Der Wind ist ein Kunstwerk von Ryan Gander. “I need some meaning I can memorise ( (The Invisible Pull), 2012” ist unsichtbar. Aber hallo, der Wind ist fühlbar, auf der Haut. In den Haaren, an den Ohren. Die Halle ist damit beseelt. Auch mit amüsierten, stutzenden, irritierten Blicken. Und der Wind gesellt sich zu dem eher klein und bescheiden wirkenden Eisengestell mit drei Plastiken, den Plastiken von Julia Gonzáles. Auf die jedermann in langen Schritten quer durch die grosse Halle zugeht. Neben dem Eisengestell hängt schwarz gerahmt die Fotografie des Unbekannten von 1959, mit den drei Plastiken, der Barfussdame, dem Anzugsherrn. Die tatsächlichen Objekte. Und deren Abbildung von damals. Und im jetzt der dOCUMENTA(13) das heterogene Publikum. Das WIR. Geklammert, gefasst, zumindest umstreichelt vom bereitgestellten Gestus von Ryan Gander. Wir sollen erinnern. Wir sollen wissen. Wir sollen Standpunkte einnehmen.

Installation View dOCUMENTA (13) displaying the works of Julio Gonzáles along with the photograph by anonymous from 1959

Jeder Mensch eine Geschichte

Wir haben eine weite Strecke zurückgelegt. Wir, das sind die Besucher hier vor Ort, in diesem ersten Raum des Museum Fridericianum. Aber wir, das sind wir auch draussen, die Generationen der Menschheit, in der Welt, deren Geschichte. Wir, das sind auch die Gegenstände in der Kunst, den Museen, Galerien, dem Kunstmarkt. Vergangenheit, inzwischen 53 Jahre alt, trifft auf heute. Die Erwartung des Blicks trifft auf Weite des Raums. Sieht die ehrwürdigen Fenster, deren Rundbögen wie Augenaufschläge wirken und so manche historische Wende gesehen haben. (Das Fridericianum ist das erste deutsche Parlamentsgebäude, nachdem 1810 Napoleons Bruder Jerome Bonaparte es während der Zeit des Westfälischen Königreichs zum Ständepalast umbaute) So mancher Besucher blickt mitten im Raum stehend zurück. Ist neugierig, auf die ebenfalls suchenden, irritierten, amüsierten Blicke derjenigen Besucher, die nun hereinkommen. Ein Kind schüttelt lachend den Kopf, die Locken in der Luft, die Hände in Richtung des Unsichtbaren gereckt, grinst es die Mutter an, die es an ihre Seite zieht, sich beiläufig eine Haarsträhne hinters Ohr streicht. Ein Herr älteren Semesters streicht sich die über die Glatze gescheitelten, jetzt etwas zerzausten langen Strähnen wieder zurecht. Schiebt sich fragend die mit dem Finger die Brille wieder zur Stirn. Alle sind sie ein wenig ergriffen, stehen an einem Anfang, bemerken vielleicht ein wenig ein Gefühl wie einst, als Klausuren verschoben worden waren, dass sie atmen können. Dass sie selbt für sich wirken wie eine Silhouette auf einem neuen, weissen, reinen Blatt Papier. Alle stehen bald in der Rotunde hinter der grossen Eingangshalle.

Individueller Standpunkt

Die Rotunde trennen Glaswände als einen Halbkreis ab. Weisse Lettern lassen es lesen: The Middle Of. The Middle Of. The Middle Of. Es ist die Arbeit des amerikanischen Konzeptkünstlers Lawrence Weiner. Mit welcher er deutlich macht, dass wir etwas sehen sollen, und weitergehen.Wir dürfen unseren Standpunkt haben. Ja mit dem Schreiten durch den Raum selsbt verändert sich ein Standpunkt. Die Mitte sind wir selbst.

Lawrence Weiner. “The Middle Of. The Middle Of. The Middle Of”. 2012 Konzeptkunst auf der Glastrennwand der Rotunde Museum Fridericianum

Sind wir das? Sind wir Menschheit, Mitte, Zentrum, Krönung von allem? Im historischen Sinne sind wir in der Mitte, im Zentrum der dOCUMENTA (13), ja aller documenta. Und hinter dieser Glasscheibe sieht es etwas sehr museal aus. Bilder in Rahmen. Ausstellungsvitrinen, Sockel. Gebündeltes Licht. Ein Laptop. Technisch anmutende Platine neben zerknittertem Papier mit Farbe. Verstreute Dias. Sehe ich Vasen? Es ist das “Brain”, wie die Künstlerische Leiterin Carolyn Christov- Barkagiev diesen Teil der Ausstellung nennt. Weil es „ in einem chaotischen, prekären Nebeneinander“ Erinnerungsstücke enthält, ganz wie ein Gehirn. Funktionen. Schaltzentralen. Schreine. Denkmuster. Emotion. Unerforschtes Chaos.

Archaologie des kulturell handelnden Gehirns

Etwas unspektakulär zunächst wirken sie, die vier verschiedenen, einzeln gerahmten Schwarzeissaufnahmen einer Frau in einer Badewanne. Eher nicht posierend, sondern eher badend. Eingrahmt ein wenig vom Blick ins Badezimmer. Vor der Badewanne die Matte. Stiefel. Dreck. Rechts eine Kommode. Darauf eine Plastik. Links ein Lavabo. Und hinten links auf dem Badewannenrand ein Portrait von Adolf Hitler. Die schöne Badende blickt ernst zur Wand. Wischt sich die Schulter mit einem Waschlappen. Leises Grauen. Und Frösteln. Medialisierung vor der Medialisierung.

David E Scherman, Lee Miller in Hitlers Badewanne. Prinzregentenplatz 16, München 1945. Image courtesy the Lee Miller Archive

Die Fotografien zeigen Lee Miller. Sie war zunächst Fotomodell, lernte dann bei Man Ray Fotografie. Und folgte als Kriegsreporterin 1944-1945 David E. Scherman nach Deutschland. Sie ist es dann, die in Hitlers Wohnung in München ein Bad nimmt. Am Prinzregentenplatz 16. Doch nach Bad nehmen sieht es nicht aus. Eher wäscht sich hier jemand das Grauen vom Leib.

Streit der Repräsentanten

Ein paar Schritte weiter eine Vitrine. Ein edles Parfumfläschchen. Ein Badethermometer. Eine Puderdose. Dieselbe Plastik. Die Ausschauende, von Rudolf Kaesbach, 1936. Devotionalien vielleicht. Es sind die Besitztümer von Eva Braun. Dieselben wie in Schermans Fotografie. Daneben ein Badetuch, und das Bild von Hitler. Es genügt. Kriege enden nicht. Sie leben weiter in den Hinterlassenschaften. Über den Ausgang des Kriegs entscheiden die Strategien und Mittel. Die Zeiten nach einem Krieg sind erfüllt vom Krieg unterschiedlicher Medien. (Feldzug der Fotografie/Das Ende der Malerei/Krieg der Repräsentation)

Vitrine mit Arbeiten von Man Ray & einer Auswahl von Gegenständen aus Hitlers Wohnung. “Die Ausschauende” 1936, Rudolf Kaesbach. copyright Image: dOCUMENTA(13) Logbuch Katalog 2/3, S. 141

Eine gläserne Etage höher in derselben Vitrine, ein Metronom. Ein rund ausgeschnittenes Auge angeheftet. Flankiert vom selbigen Auge als Bild im Glasrahmen und einem Buch mit einer Illustration des Metronoms. Das Auge – ist Lee Millers Auge. Eine weitere Vitrine zeigt noch mehr Metronome.

Geschichte besteht aus Geschichten. Versponnene Verbindungen, gehen lassen, entrissen werden, Aufruhr des Herzens, Hochmut und Fall, die Liste prekärer Zustände und was sie zu solchen macht ist weit länger als die klassischste aller Listen, jener der zehn Gebote. Als Lee Miller Man Ray verliess, wuchs seine Serie von Metronomen zu einer Edition heran. Man Ray verwendete sie im Atelier. Er liess das Metronom an, pinselte das Bild zum Takt. Spielte es schnell, so pinselte er rasch, und vice versa. Tachismus. Herzschlag. Malen, solange man verlassen weiter lebt, die Einsamkeit als unendlich erfährt. Und weil ein Maler ein Publikum brauche, sagte Man Ray, so habe er das Auge Lee Millers angeheftet. Mit einer Büroklammer. Als das Metronom beim ersten Bild zum Schweigen kam, war Man Ray nicht einverstanden mit dem entstandenen Bild, versuchte, das Metronom mit einem einzigen Hammerschlag zu zerstören. Aus dem Object de destruction, dem omnipräsenten Blick des Zuschauers und demjenigen der in die Ferne gereisten Liebe, wurde über die Zeit von 1923 bis 1965 das unzerstörte Objekt, objet indestructible. Ist es das Herz, oder das Gehirn, welches Liebe zum Kriegsschauplatz macht?

Krieg und Liebe. Und Zerstörung. Prekäres Nebeneinander. Kunst lebt von beiden. Die grossen und kleinen Erdbeben lassen Türme erzittern und Sockel wanken, Emotionen schwanken. Und beinah immer, hier und da, hinterlassen die Stürme in ihrer wütenden Schneise manifeste Objekte unversehrt. (Eva Brauns Parfumflasche) Oder reproduzieren sich im erinnernden Herzen abermals, auf ein Neues.(Man Rays Metronom). Taktieren damit den weiteren Gang in die nahe, die nächste und die weit vorn liegende Zukunft.

Man Ray, Auswahl der Editionen “Objet Indestructible” 1923-1965. Image copyright dOCUMENTA(13) Das Logbuch, Katalog 2/3, S.141

© 2012 this article and this blog Patrick Neithard, Zürich. All rights reserved. Do not use or reproduce without permission.

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This entry was posted on July 31, 2012 by in dOCUMENTA (13).
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