A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

Seismographen einer ehemaligen Spassgesellschaft. Städtische Stipendienausstellung im Helmhaus Zürich

 

Die Ausstellung im Helmhaus zu den Werk – und Atelierstipendien Stadt Zürich 2012 könnte sich zum Publikumsmagnet entwickeln. Weil sie zeigt, wer gewonnen hat. Es sind 14 Gewinner. Aber auch, wer leider nicht. Es sind 30, bei denen es diesmal nicht klappte. Das macht die Ausstellung so interessant. Auch weil sie zeigt, wie hier der Hase läuft.

30.7.2012 von Patrick Neithard, Zürich

Nach den Sternen werfen

Navid Tschopp (*1978 im Iran, seit 1987 in der Schweiz) ist einer der Künstler und Künstlerinnen, die knapp an einer Förderung durch die Stadt Zürich vorgeschrammt sind. Sein eigentliches Kunstwerk ist aber nicht etwa deswegen nicht im Helmhaus zu sehen. Das “Kunst und Bau” -Werk “klebt” magnetisch an der Josefstrasse 205. In guter Gesellschaft, nahe den Richtung Schiffbauareal verstreuten Werken von Art and the City. Begonnen hat Navid Tschopp die “Topologische Agenda – Der Weg zum Master” schon 2008. Er warf, auf dem Schulweg, auf dem Weg zum Master, insgesamt 1001 weisse Magnete. Auf die rostbraune Stahlfassade der Kehrichtverbrennungsanlage. Der Wurf nach den Sternen wirkt poetisch wie eine Geschichte aus tausendundeiner Nacht. Entstanden ist ein Sternenhimmel, und dieser ist weit länger, täglich 24 Stunden lang, sichtbar. Konterkariert durch den darüber vor sich hin rauchenden Kamin und die umliegenden “Neues Bauen”- Wohnflaggschiffe. Bereits seit dem 7. Juni 2010 ist die “Kunst und Bau”-Arbeit nun im Besitz der Stadt Zürich.Davon zeugt im Helmhaus die Urkunde. Und eine Handvoll Magnete erwartet uns dort. Wer will, darf ab jetzt selbst Magnete werfen. Dem Stern einen Namen geben. Supernova, urgent star. Ein bisschen Mythologie muss sein. Nach dem Besuch im Helmhaus ab aufs Tram vier. Haltestelle Schiffbau, links in die Josefstrasse einbiegen.

Gras wachsen hören

Irene Weingartners grossformatige Tuschezeichnungen verleiten so manche Theoretiker zu hyperkomplexen, bemüht wirkenden Vermittlungstexten, die selbst nach zehn doppelten Kaffees mit vier Kilo Zucker gesüsst nur schwer einzuverleiben sind. Dabei wäre es so einfach: Jedem Signal in der Umwelt liegt eine Struktur zugrunde. Isolieren lässt diese sich – ganz nach Ansicht der als Wissenschafterin operierenden Künstlerin Irene Weingarten – am besten durch die Zeichnung. Nicht etwa als Entwurf. Nicht als Skizze. Sondern als abstrakte, eigenständige Umsetzung eines von aussen empfangenen Impulses. Als ebenso eigenständige Definition der Zeichnung als Kunstform. Tuschegriffel gesetzt, geschwungen, geschweift, gezogen. Auch über sich selbst hinauswachsen lassen, wenn die Rythmen der Stadt ihre Schallwellen werfen. In der Wissenschaft wird ähnlich operiert, in (meist isolierten) Fallstudien, in Untersuchungsreihen werden Beobachtungen aufgezeichnet. Ehrlich jetzt! Die Theorie des (auch wissenschaftlichen) Systems Kunst, die kommt (in einigen Fällen) anschliessend, danach. Beides zeigt sich in Irene Weingartners Werk. Erhabenheit über die Kakophonie der teilweise grossartig schräg um Auftritte bemühten Grossstadt – endlich belohnt – mit einem Werkbeitrag.

Possenreisser! Auf den Sockel damit!

Nuri Koerfers Holzskulpturen “About Cool” sind Gegenbilder zu Medienklonen aus “Topmodels” und “Popstars”. Dort entbehrt zartes Frischfleisch ja ganz und gar jeglichen Glamour-Faktors. Zuviel Normalo, zu wenig Skandal. Zuviele Danke-Bussi-Kniefälle vor den Heidi`s (Klum) und Detlef`s. Zu wenig je ne sais quoi, und bei den harten Fakten Wangenknochen, Knochenstruktur, Verkörperung, Attitude. Gewiss, das Volk will Brot und Spiele. Aber mit wirklichen Ikonen. Was aber von denen schlussendlich bleibt, vor allem wenn sie nicht mehr angesagt sind, zeigen die “About Cool” von Nuri Koerfer. Es bleiben eingefrorene Posen, und die wirken wie Statuetten. Possenreissen, überhöhte Coolness, immer auch ein Fall fürs Museum, für den Erinnerungsraum. Früher oder später. Das also bleibt vom idealisierten Vorbild, vom praktizierten Kult. Die Holzskulpturen kommen übrigens nicht allein. Es geht ja auch um das transportierte Bild. “hold down the starring sticks” sind sieben Aluminiumrahmen, notabene ohne Bild. Der Kommentar ist damit perfekt, deutscht es aus: Wer eine Posse reisst (sich inszeniert), der finde bitte bitte bitte den passenden Rahmen (draussen in der Gesellschaft). Ansonsten..ab ins Kuriositätenkabinett. Genug gesagt. Genua Stipendium!

Das hier gabs gabs auch einmal: Vor knapp 40 Jahren riss die westliche Kunstwelt so manches vom Sockel. Instituionskritik machte “alles” zur Kunst: Raum, Kunstwerk, Rezipienten. Afrikanische Figuren waren Inhalt wissenschaftlicher, ethnologischer Studien, waren Hilfsmittel zur Selbstbespiegelung des Westens, zur Analyse des Eigenen und des Fremden. Als Untersuchungen der kulturellen und materiellen Besitzverhältnisse. Manches fand den Weg ins Völkerkundemuseum. Anders heute. Kleine Afrikanische Holzskulpturen sind in Costa Veces “Der Anfang des Kapitalismus” in Kleider – aus dem Charity-Ausschuss der Kapitalisten – gehüllt. Sehr bunt eingepackte Würfel dienen ihnen (da haben wir das Geschenk!) ausgerechnet wieder als Sockel. Auch an der dOCUMENTA(13) dehnt man derzeit Grenzen der Denkräume. Costa Vece stellt zeitgemässe, allseitig reflektierte, brerechtigte Fragen. Wer hebt wen und wozu auf welchen Sockel? Welche Kultur strebt wonach, dehnt sich wohin aus, fällt wohin? Unter welchen Deckmäntelchen, in welchen Systemen geschiehts? Kritische Stimmen zur kulturellen Differenz entsenden wir Schweizer aber dann doch lieber nicht unbedingt ins Ausland. (Vielleicht weil man meint, das sei in diesem Fall nicht nötig?) Stattdessen gabs für Costa Vece aber einen Werkbeitrag.

Fragil ja

Wir zeigen uns lieber gern fragil und tüchtig. Jonas Etter faltete Aluminiumfolie in viele vierkantige Stangen. Schräg an die Wand gelehnt, möchte man ehrfürchtig vorbeischweben, um das fragile “contrefort III”, (in der realen Welt eine Art sehr stabiler Rechen bei einem Stauwehr) nicht zum dominoartigen Einsturz zu bringen. Aus Distanz gleisst die Folie. Reflektiert pastellige, perlmuttene Farben die Umwelt. Wirft auch Schatten, zeigt ein Farbenspiel in Graustufen. Wirkt je nach Blickpunkt skulptural, oder malerisch. Sowohl in Farbe als auch in Schwarz-Weiss. Wer schon einmal einem Kind zugeschaut hat, weiss, man wickle genussvoll haptisch Alufolie um ein Lineal, am besten ein dickes, hölzernes aus der Schule, drücke die Folie an, ziehe das Lineal dann vorsichig heraus. End of Story? Entzaubert ist damit dieses Kunstwerk noch lange nicht. Die einzelnen “Stangen” sind erstaunlich lang, wirken sehr, sehr, sehr fragil. Ruhe, Disziplin und planvolle Achtsamkeit spielen eine grosse Rolle beim Umsetzen, beim Inszenieren vor Ort. Das Atelierstipendium in Kunming ist wohlverdient, das contrefort steht für das Wehr, für den Rechen, Teil von  Staudamm. Jonas Etter hat das Helmhaus mit seiner Ausstellung als ein Kraftwerk lokalisiert. Beides liegt drin. Fluss und Stau.

Es wurde wirklich heftig gesiebt. Anfangs waren es diesmal 44 Künstler, die in einer zweiten Runde eingeladen wurden vom Auswahlgremium, zu einer Ausstellung ihrer Originalwerke. Jetzt zeigt die Schau einerseits natürlich die 14 schlussendlich prämierten KünsterInnen, verrät aber auch, wer leer ausging. Und darüber hinaus zeigt sich, Videokunst (nicht so sehr aber die Fotografie) ist nach wie vor beliebt.

Das siebenköpfige Kollektiv !Mediengruppe Bitnik hijackte die CCTV Kameras in London für “Surveillance Chess” und durchsetzte die Aufnahmen mit einem schwarz-weissen, sprechenden Computerschachspiel ( echt jetzt, gehts da um Macht und Strategie?) und promptet den Ablauf auch mit Schrifttafeln. Kritik an Machtstrukturen ist nötig. Subversiv wird sie aber wirklich erst, wenn das Medium durch Eingriffe mit Mitteln aus sich heraus unterwandert wird. Darum aber ein Werkbeitrag, und offensichtlich nicht Atelier. Das lässt eine Spur Furcht vor einem Eklat durch weitere Provokationen wie jenem des Londoner “UBS lügt” -Skandals von 2010 erahnen. Anders funktioniert der “Rap” des Fotografen Peter Tillesen. Ein Paar inszeniert Wagners Duett “Liebesnacht” aus Tristan und Isolde. In der HD-Videoarbeit findet sich die allseits gefällige “Arbeit mit dem Bruch” zunächst auf der Tonspur angelegt. Die Töne sind eher sparsam nachgesprochen, fast gelallt, statt gesungen, während die zwei Gesichter sämtliche Register der Bühnenarbeit ziehen müssen: grosses, auch für die billigen Plätze sichtbares, dramatisches Mienenspiel. Trotz all der Grösse, auf den Leib rückt diese Arbeit nicht. Im Gegenteil, sie sendet den angehenden Künstler nach Genua.

Agil  – jein

Gar nicht mit Grössen messen können sich (obschon sie es wollen) die im Go Sees- Style abgehaltenen April Babies von Caroline Palla. Gezeigt wird sowieso nur eine, die “LARISSA”. Zürich stellte vor knapp zehn Jahren die documenta XI-Videokunst-Grösse Eija-Lisa Ahtila während Wochen aus (sie hat sich mit der Umsetzung des psychologischen Anteil im Film in der Videokunst einen Namen gemacht). Hierzulande scheint sich der Ehrgeiz bloss auf formale, die Medien befragende Themen auszuweiten). Caroline Pallas Arbeit besteht nebst Video auch noch aus einem Leuchtkasten mit Aufnahmen eines, sagen wir, “Wannabe Models”. Aber die erwartete Komplexität  zeigt sich leider nur im Werktitel. Die gezeigte “CLARISSA” in diesem “Screen Test Interview”  aus der Serie der “April Babies” hat gewiss eine liebliche Stimme, aber mehr als ein paar “I`m like”, “It`s like” ,”for me” bleibt nicht hängen. Es sei denn, man wolle inskünftig Diskurse am Nichts aufhängen. Träum weiter, Clarissa. Zuviel Tiefgang für die Rolle des oberflächlichen “Chicks”, zu cool, wenn Du beim Antique Bookstore den Wert eines Buches von $ 20 auf $ 12 runterhandelst. Ein zusätzlich ausgestellter Leuchtkasten mit ein paar Fuji Clear Transparentfilm – Aufnahmen wirkt ausschliesslich bestätigend für die Vergeudung von Zeit und allen wertvollen Mitteln. Leider nein. Sagte sich da wohl die eben nicht unkritische Jury.

Susanne Hofer, “Aufhellung”. Installationsansicht Helmhaus. copyright the artist

Anders, gekonnt nämlich, stapelt Susanne Hofer geradezu vielschichtig Ebenen. Urbane Strukturen sind einem Kommen und Gehen unterworfen. Welches Medium ( zur auswahl stehen hier zwei, die Fotografie und Video – ohne Ton) hat die Rolle verdient, um das “es war so” zu dokumentieren? Über Ereignisse zu berichten? Abläufe, Hergänge zu schildern? Die Fotografie hat in uns den Anspruch geweckt, uns (vielleicht, hoffentlich) auf ihren dokumentarischen Wert verlassen zu können. Video wiederum zeigt (vielleicht, hoffentlich) einen Ablauf Schritt für Schritt. Und manipuliert, unterstreicht manchmal auch mit einer Tonspur. Wieviel davon ist auch ausgeschmückt? Auf den asynchron laufenden Monitoren der Videoskulptur “Aufhellung” von Susanne Hofer stehen von Menschen verlassene Wohnhäuser vor oder im Abbruch. Aber es gibt keine Tonspur. Der Bagger wütet oder hat bereits gewütet,  hat die Schaufelzähne in die Wände gebohrt. Eigenartig still. Das wirkt nicht minder aussagekräftig. Staub füllt den Bildraum. Reflektiertes Sonnenlicht und zusätzliche digitale Eingriffe der Künstlerin erhellen den lichtdurchtränkten Bildraum bis kurz vor dem Moment des Geblendetseins. Manches mag also noch so hell sein, die Frage drängt sich auf: Hat man mit diesen Medien den Durchblick, weiss man darum, was gewesen war, und was da kommt? Oder tappt man eben immer dennoch etwas im Dunkeln? Wir hier, wir haben Glück. Unsere Befragungen mittels zeitgenössischer Kunst spiegeln sich in Lebenstrukturen, die uns umgeben, ab. Tägliche Bedrohungen an Leib und Leben hingegen erleiden wir nicht. Das muss man sagen, denn anderswo, ennet der Grenzen, spielt das kritische Hinterfragen des Dokumentarischen in Video oder in Fotografie als ein Mittel der gesellschaftlichen Reflexion eine grosse Rolle. Ennet der Grenzen wissen die das. Und ennet dem grossen Teich, im Big Apple, wissen die das auch. Da geht Susanne Hofer hin. Atelierstipendiat New York.

 You Tube

Auf Youtube und auf MTV`s The Jackass, findet man sie, Obermutigen. Die sich sportlich durch irgendwelche Mutproben schicken. Meistens wirkt das wirklich bescheuert, sogar so sehr, dass explizit von der Nachahmung abgeraten wird. Nino Baumgartner, eigentlich nicht mehr so ganz jung, ersetzt den Jackass mit einer Kupferplatte und schleudert sie vor sich her, geradewegs über Stock und Stein, durch eine Berglandschaft. Filmt den Streich mit einer Helmkamera. Biwakiert hat er da auch noch. Konzeptuell hat da ein bisschen viel Doug Aitken auf ihn abgefärbt, wenn er das am Ende auch noch als eine Landschaftsvermessung gelesen haben will. Flugs schleicht sich die arg drangsalierte Kupferplatte auch noch mit “eingeschriebenen” Beulen, Rhagaden und Schrunden als echtes Ding in die Ausstellung. Und ruht dort erst mal. Das ist irgendwie schalkhaft spitzbübisch. So wie in der Bepanthen Werbung, in der der kleine Junge sein geschundenes Knie und die Kratzer am Auto ( beides beim selben Unfall passiert) mit Bepanthen verheilen will. Kupfer ist ein besonders guter Leiter für die Botschaften von System eins zu System zwei. Darum sind denn auch Platzhalter, in Form eines Kaltnadeldrucks und dem Biwakzelt als Modell seiner Wanderung weitere Bestandteile der Installation. Ist der Kupfer die Zeitkapsel, die von den Abenteuern erzählt? Ein lakonischer Metakommentar, Anstoss zu vorbehaltslosen Begegnungen der Naturelle ist es allemal. Ein Wegweiser, konstruktiv aus durchgelatschten Wanderwegen auszubrechen. Ohne Blechschaden wie bei diesen Youtube Rasservideos, nur um soo juuuung, sooo coooool und sooo anders zu sein.

Auffallend in den Hintergrund tritt an der Schau offensichtlich die psychische Ebene. Das wird an einer Stickarbeit sichtbar. Ein Bild zeigt  ein Konterfei, gelöstes Engelsgesicht.  Das grosse Bild ist ein Blow Up einer Kopie des Lexikoneintrags zum Titel der Arbeit ” Apathia”. Das kleine Bild illustriert zweierlei. Erstens steckt viel Fleiss im Sticken. Zweitens funktioniert die Arbeit auf ganz anderen Ebenen als andere Stickarbeiten. Es geht darum, Grenzräume zwischen Kunst und Illustration auszuloten. Obschon es ein Mann war, Donato Amstutz, der sich an die Stickarbeit wagte, gabs keine Prämie. Denkbar, dass die formale Herangehensweise, die Umkehrung von Blicken eine Strategie der Vergangenheit darsrtellt? ( Ein stark vereinfachtes Beispiel: Ghada Amer, ägyptische Künstlerin, stickt pornografische Bilder. Frauen sind es, in eindeutigen Posen. Posen aus dem westlichen Porno. Sie stickt diese Inhalte, die sie so nur im Westen, als Umgang mit Frauen vorfand auf grosse Leinwand. Ein und dasselbe Emblem, mehrmals darüber verteilt. Den Stickfaden schneidet sie aber nie ab, so dass viele lose herunterhängende Fäden den Blick verschleiern. Zwei Analogien für “die Strategie des umgekehrten Blicks” sind in Ghada Amers Bild vereint. Hier die Frau des Westens als Objekt, sexualisiert bis auf die Poren. Dort die Ägypterinnen, (für die Ghada Amer stellvertretend stickt) und anscheinend allesamt verschleiert, (obschon ägyptisch -koptische Christen sich nicht verschleiern)aber eben auch unbekannt, unvertraut, fremd, und darum der Beurteilung eigentlich gar nicht zugänglich. In anderen Worten: “So wie ihr im Westen meint, wir im Osten seien verschleierte Objekte, könnten auch wir im Osten sagen, im Westen sind Frauen sexualisierte Objekte”). Nun ja. Umkehrungen des Blicks. Sind sie vielleicht ein wenig Thema der Vergangenheit? Auch wenn die formale Umsetzung von Donato Amstutz die sehr als weiblich festgeschriebene Handlung aufklingen lässt, spricht hier ein Inhalt. Es geht um eine Begriffsdefinition. Um Apathie. die kann zweierlei sein. Die arretierende, blockierende Apathie ganz im Sinne von Sinnentleertheit, Sinnenfremde, oder die Apathie in einer eher philosophisch wissenschaftlichen Bedeutung als Analogie zur (begrüssenswerten) Freiheit von Gefühlen und Ängsten. Sicher, der Kapitalismus ist in eine Glaubenskrise gestürzt. Und nun Apathie, obwohl (oder weil?) in der gefühlten Krise Hiobsbotschaft auf Hiobsbotschaft folgte? Kaum. Also doch nur ein Spiel mit dem Geschlecht? Vielleicht weiss das Gremium eben als Instanz, die einen Schritt weiter denkt, dass wir ein standhaftes Völkchen sind. Dass wir sowieso stoisch warten, bis der Sturm, der Gegenwind, der Widerstand vorbei ist. Ganz im Sinne dieses besagten Lexikonbegriffs: “ “apatìa: s.f. 1. Indolenza, insensibilità che fa reagire con lentezza di fronte alle contrarietà, alle offese, ecc.”

Sehenswert ist die Ausstellung als ganzes. Schöne Dialoge binden sich an die hier genannten mit den hier nicht genannten. Ruth Erdt`s Arbeit aber liesse einen nicht ruhig schlafen. Im Prozess der Ausstellungsbesichtigung hat man sie dann jedoch schnell verdaut, sie empfängt einen – nicht gerade ohne Schock – zu Beginn: Einige schwarze Maschinengewehre bilden ein Kinderbettgestell. Tiefschwarz angemalt, tiefschwarz angeklagt. Flankiert von einem Waffenschein. Ein wenig wirkt das wie der Ruf der grassierenden Partyparteien – “nach der Party ist vor der Party”. Warum? Weil der politische Bezug dieses Ready Made den demokratischen Volkswillen zweifach karikiert. Erstens konnte Ruth Erdt (anscheinend) so viele Waffen kaufen wie sie wollte ( mehr als eine, aber daran ist noch nichts repräsentativ) Die zweite Karikatur ist diejenige des Volkes und der Parteien. Die militärischen Pflichtschusswaffen bleiben weiterhin zuhause. Im oberen Stock bildet der Textwurf, der als durchdachte Begleitung (sozusagen die Sprechblase der Karikatur) konfabuliert ist, dann zwar noch einen Nachhall. Ein Echo. Es wird zum Echo auch darauf, dass man hierzulande nicht gern scharf schiesst. Schon gar nicht zur Zeit. Es könnte nämlich nach hinten losgehn, das scharf Schiessen.

Helmhaus Zürich

Limmatquai 31
8001 Zürich
Telefon 044 251 61 77

Dienstag bis Sonntag: 10 – 18 Uhr
Donnerstag: 10 bis 20 Uhr
Montag: geschlossen

28.7.2012 bis 9.9.2012

Am Mittwoch, 1. August 2012 ist das Helmhaus Zürich von 10 – 18 Uhr durchgehend geöffnet

Eintritt frei. Admissions free
Das Helmhaus ist rollstuhlgängig.

Im zweiten Artikel finden sich Facts und Figures sowie die Gewinner.

Alle Künstler: Amberg Annette, Amstutz Donato, Baumgartner Seline, Baumgartner Nino, Burger Stefan, COM & COM, Dätwyler Brigitte, Erb Klodin, Erdt Ruth, Estermann Robert, Etter Jonas, Galiciadis Athene, Gohl Andrea, Good Yvonne, Goodwin Clare, Halpern Zuni, Hegelbach Ray, Hoesli Nicole, Hofer Susanne, Höpflinger Raymond, Keller San, Koerfer Nuri, Krieg Isabelle, Kueng/Caputo, Mambourg Nina, Marfurt Mia, Masüger Sara, Micciché Giuseppe, Nguyen Cat Tuong, Palla Caroline, Rüegg Niklaus, Schenker Katja, Schreiber Karoline, Spierenburg Veronika, Stollenwerk Martin, Tillessen Peter, Trepp Selina, Tschopp Navid, Vece Costa, Weingartner Irene, Zanni Margot, Zobrist/Waeckerlin, Zürcher Silvie, !Mediengruppe Bitnik

copyright this blog and its content all rights reserved Patrick Neithard, Zürich Switzerland, 2012

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