A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

Seilschaften, gefährliche Seilschaften

Frau auf dem Weg ins Zentrum der Macht. Sidse Babett Knudsen als Birgitte Nyborg in der dänischen Produktion “Borgen- Gefährliche Seilschaften” Bild: copyright SRF

 

Serientipp von Patrick Neithard, Zürich, 21.08.2012

Das SRF zeigt Borgen Gefährliche Seilschaften, von Adam Price. Ein dänisches Politdrama. Die erste Episode war jetzt aber noch nicht eindeutig pro-Frau.

Frau im Anzug

Dänemark, Kopenhagen, fiktiv, irgendwann vor vielleicht drei, vier Jahren. Drei Tage vor den Wahlen stellt die Parteiführerin der Moderaten Partei, Birgitte Nyborg Christensen (Sidse Babett Knudsen), unerwartet die Kampagne auf den Kopf. Die ehrgeizige TV1-Anchorwoman Katrine Fonsmark (Birgitte Hjort Sørensen) nagelt sie. Entlockt der Familienpolitikerin einen Richtungwechsel. Prime Time, in den Evening News. Nein! Sie wolle die harsche Asylpolitik der Koalitionspartner nicht länger unterstützen. Im weissglühenden Kopf von Birgitte Nyborgs politischem Berater Kasper Juul (“Spin Doctor”, gespielt von Johan Philip Asbaek) schmilzt die Chance auf einen Stimmenzuwachs bei den Wahlen jetzt auf null.

Etwas klischiert, der Fallstrick des Ministers

Doch der pragmatischen Politikerin, die als Familienfrau der jüngeren Generation auf die Zentrale der dänischen Macht zusteuert, kommen unerwartet zwei Patscher der Gegnerschaft zu Hilfe. Patscher eins ist fast ein Paradestück. Die vernachlässigte Ehefrau (ja, da liegt der Hund begraben: hier ists eben nicht gerade pro-Frau, das hier gezeichnete Bild ist schlicht anti-Frau) des noch amtierenden Premiers verschleudert beim Frustshopping grade mal 70`000 dänische Kronen. (in CHF: 11230) Es kommt aber noch weit schlimmer. Weil der Premier ihre Kreditkarten sperren liess, macht die frustrierte First Lady ihm eine Szene, zetert am Handy, zitiert ihn in den Nobelladen. Und pocht aufs dicke Trostpflaster – er soll endlich mal zahlen. Gut, er machts, behelfsmässig, mit der “Kreditkarte des Premiers”. Repräsentationskosten vielleicht? Kein Kavaliersdelikt ist`s. Wie`s halt so sein muss, einer muss jetzt die Drecksarbeit machen, der Beleg des Exzesses landet in den Akten seines Beraters. Der will das innert zwei Wochen richten, wenn sowieso alles glattestens über die Bühne gegangen ist. ( “Spin Doctor”-Slang) Viel dringender will er sich, obschon noch verheiratet, aber längst auswärts naschend, das “Gschleick”ausgerechnet mit eben dieser News-Anchorwoman Katrine endgültig beenden und sich stattdessen hochoffiziell mit ihr verbandeln. Am selbigen Abend. Ja hey! Schluss mit Vertuscherei.

Eiskalt erwischt

Anchorwoman und Premiers Spin-Doctor verbringen also die letzte heimliche Nacht, doch was folgt, ist das böse Erwachen. Er stirbt unerwartet noch während des geheimen tête-à-tête. Ausgerechnet nur einer, Kasper Juul, Anchorwomans Exfreund, kann helfen. Dumm nur, dass er ja wiederum der Berater von Birgitte Nyborg ist. Auf seinen dringenden Rat hin zischt Katrine durch die Hintertür ab, macht am nächsten Tag blau, während neben dem noch warmen Leichnam ein gefundenes Fressen auf den schlauen (?) Kasper Juul wartet. Beim “Spuren verwischen” im Liebesnest seiner Ex (da hat aber einer noch nicht ganz abgeschlossen, wenn er all das tut) findet er den bösen Kaufbeleg. Klar, so loyal wie er sein will und so naiv und überdoped wie er ist, eilt er damit zur Chefin Birgitte Nyborg. Und die – verzichtet, und stellt ihn dankend gleich fristlos auf die Strasse. Immerhin hat er den Bogen mit seinen Tipps zur Machtübernahme damit deutlich überzogen. Und sie ist damit aalglatt am eigenen Ruin vorbeigesteuert. Instinkt! Chapeau! Am Vorabend zur Wahl dann die Elefantenrunde. Katrine wird vom bisweilen windigen Chef vom Dienst (Zu Katrine: “Du wirst das hier gut machen weil Du wahnsinnig gut aussiehst”), Torben Friis heisst er, noch schnell zur Moderatorin befördert. Sie läuft zu eher mittelmässiger Hochform auf, während Torben Friis ( (Soren Mallig) auf Quote hofft. Noch während Birgitte Nyborg in einer freien Ansprache (nichts vorbereitetes, sondern direkt vom Herzen) mit allen Erwartungen bricht, wedelt plötzlich der Chef der Arbeiterpartei Michael Laugesen (Peter Mygind) lautstark mit dem gefährlichen Exzessbeleg vor des Premiers bebenden Nasenflügeln. Klar, Laugesen weibelt noch um die letzten Wählerstimmen. Und ja, klar, da hat der Spin Doctor Juul mal ganz schnell die Fronten gewechselt. Obs allerdings ein letzter ergebener Dienst an der Ex Chefin war, oder doch eher neu aufgegriffner Erzählstrang, weiss man jetzt nicht. Es sind schliesslich einige Episoden Politik, die hier runtergebetet werden sollen. Klar ist aber vorerst der Sieg von Birgitte Nyborg. Sie wird am nächsten Tag gewählt und soll erste Premierministerin werden.

Design ganz cool, Preise definitiv heisser

Zwar wurde der Politthriller schon 2010 produziert, doch gibts real ennet auf dem Nordzipfel von Deutschland, in Dänemark, gerade erst mit Helle Thorning-Schmidt erstmals eine Frau an der Spitze Dänemarks. Der, seien wir ehrlich, eher vom dramaturgischen Gesichtspunkt her gut verwobene Stoff ist deswegen eben nur fast schon visionär! Ein Politologiestudium ist nicht Voraussetzung um die etwas plakativen Erzählstränge zu später Stunde mitzuschneiden. Die Stränge spielen eher auf Serie als auf Nimbus, Macht und Mammon. (SRF strahlt sie im Nachtprogramm im Anschluss an Schawinsky aus, weshalb man gerade mal genremässig gut angeheizt in den Genuss einer an sich hochstehenden dramaturgischen Leistung kommt.) Der Genremix wandert ein wenig auf den Graten zwischen Dokudrama und Politthriller, während sich die “privaten” Innenszenen ( die sich noch besser ineinander verschränken sollen) schlicht zu oft als Ikea-Wohlfühlstaffage ausmachen. Und wenn die neue Machtperson (schon so mächtig, schon so allein…) nachdenkt, geht das einfach betont zu lang. Hingegen richtig fetzig und angenehm selbstkritisch wird’s, wenn die Hetzjagd des Hauptsenders (beim überstürzten Abgang des gestrauchelten Premiers aus der Elefantenrunde : “Drauf halten bis er raus ist, egal wie er rüberkommt!! ) kurz mal vom Genre Politberichterstattung auf Paparazzo umsattelt. Und zwar auf der Metaebene, in der das Medium( die Serie) über die eigenen Bedingungen reflektiert. Helmut Schmidt wusste noch, wie man den (Medien-)Leuten die Langsamkeit aufzwingt, damit sie mit und über Würde nachdenken. Aber er durfte in Studios auch noch rauchen. Das war, wie es der Chef der Arbeiterpartei in Borgen so schön lehrerhaft sagen darf, zu einer anderen Zeit, nämlich als die Worte “Champagner” und “Arbeiterpartei” nie und nimmer in einem Satz vorgekommen wären. Die angekündigten Verschränkungen von Machtkämpfen in der Politik mit jenen im Privatleben erwartet man um einiges gespannter als man es seinerzeit bei der US-Amerikanischen Serie “Commander-In-Chief” tat. Das war Amerikas Versuch einer Serie zur ersten Präsidentin von Amerika (es blieb beim Traum, wie man weiss) mit Geena Davis in der Hauptrolle. Anders bei Borgen, es könnte spannend werden, und das liegt definitiv an der Hauptdarstellerin. Kritiker lobten bereits nach der kleineren Rolle in Lars von Triers Dogville die Wandelbarkeit und die Verkörperung eines völlig neuen Frauentyps in der Schauspielerin Sidse Babett Knudsen. Sie gewann am Festival de Télévision de Monte Carlo die Goldene Nymphe für die Rolle der Magistratin Birgitte Nyborg. Preise hat die erste Staffel (von dreien) bereits abgeräumt. Und, sogar Amerika will das Ding jetzt auch noch nachdrehen. Na wenn das nicht ewas heisst!

BAFTA TV Award 2011 für Drehbuch und Produktion; in Italien am Prix Italia und im französischen Biarritz den Fipa für die beste internationale Serie ( Imdb.com) Jeweils 23:45h SF1, SRF, meist im Anschluss an “Schawinsky”

 

© copyright this article and this blog 2012, Patrick Neithard, Zürich. All rights reserved. Do not use or reproduce without permission.

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