A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

Geschichte, Hölle, Glamour!

GOLDEN GLOBES 2014

Geschichte, Hölle, Glamour!

Best Motion Picture - Drama Steve McQueen, center, accepting the award for best motion picture drama for "12 Years a Slave" during the 71st annual Golden Globe Awards at the Beverly Hilton Hotel on Sunday, Jan. 12, 2014, in Beverly Hills. Image Copyright courtesy 2014 , Paul Drinkwater | AP

Best Motion Picture – Drama
Steve McQueen, center, accepting the award for best motion picture drama for “12 Years a Slave” during the 71st annual Golden Globe Awards at the Beverly Hilton Hotel on Sunday, Jan. 12, 2014, in Beverly Hills.
Image Copyright courtesy 2014 , Paul Drinkwater | AP

In der Nacht auf heute vergab die International Foreign Press Association die 71. Golden Globes. Mit den Golden Globes werden Kino- und Fernsehproduktionen honoriert. Überraschungen gab es einige.

von Patrick Neithard, Zürich

Countdown Amerikanische Geschichte, Drei! Zwei! ….Zwei!

Der 7-fach nominierte Polit-Erpressungsfilm “American Hustle” des Regisseurs David O. Rossel sahnte zumindest halbwegs den Erwartungen entsprechend ab. Nebst der Auszeichnung für den Film erhielt auch Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence die begehrte Trophäe in Form einer Kugel, dies als beste Nebendarstellerin, während ihre Set-Kollegin Amy Adams die begehrte Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin erhielt. Das Stück ist in den späten 1970ern angesiedelt.

Mit ebenfalls sieben Nominierungen ging “12 Years A Slave” ursprünglich Kopf an Kopf ins Rennen. Beinahe am Ende der dreistündigen Show nahm ein überglücklicher Steve McQueen damit erneut einen hohen Preis entgegen. Bereits 1999 wurde der Regisseur/Konzept- und Videokünstler für seine Kunst mit einem der höchstdotierten Preisen, dem Turner Prize, geehrt. Hingegen ging der nominierte Hauptdarsteller von “12 Years A Slave”, Chiwetel Ejiofor, trotz intensivster Präsenz im Film leer aus. Und fast scheint es, als seien gleich zwei Nominierungen ohnehin kein gutes Omen. Chiwetel Ejiofor wurde nämlich auch für die Rolle in der TV Produktion “Dancing On The Edge” nominiert, ging aber am Ende leer aus. Im Wettkampf um die Auszeichnung als bester männlicher Hauptdarsteller in einem Spielfilm unterlag er dem Frauenschwarm Matthew Mc Conaughey. Golden Globe – Erstling Mc Conaughey spielt in “Dallas Buyers Club” einen HIV –positiven Medikamentenschmuggler in den 1990 Jahren. Durch die zusätzliche Auszeichnung von Jared Leto als bester Nebendarsteller im selben Film folgt das AIDS Drama “Dallas Buyers Club” in der Rangliste somit auf Rang zwei nach ”American Hustle”. Beide Schauspieler hungerten für die Rollen massiv ab, um aufzuzeigen, wie HIV- Positive in den Vereinigten Staaten HIV-Medikamente aus anderen Ländern illegal einführten, als dort noch viele anderswo bereits akzeptierte Therapiemittel als verboten gelistet waren. Ebenfalls zwei Golden Globes räumte die Fox Sitcom “Brooklyn Nine-Nine” ab, als beste Serie einerseits und mit der Honorierung eines witzig schlagfertigen Schauspielers  Namens Andy Samberg. Rotten Tomatoes favorisiert die Besetzung von “Brooklyn Nine -Nine” als “überraschend gelungen”. Charmant und klug dazu sei es, wie das Polizisten-Format frische Inspirationen durch ein gelungenes Drehbuch erhalte. Die Inspiration ist doppelt gross, spielt das ganze doch eher in einer kleinen Welt. Der Hintergrund des Plots ist nicht etwa im Weltumspannenden angesiedelt, ist nicht heroischer Stoff wie “Welt –Polizei”, sondern spielt konzentriert in einem kleinen Distrikt in Brooklyn. Ganz ähnlich auch die Weise der Welterzählung in einer weiteren prämierten Produktion. Ein Award für beste Hauptdarstellerin ging an Elizabeth Moss für ihre schauspielerische Leistung in der Drama Mini Serie “Top of the Lake”. In Jane Campions Regiewerk klärt sie den Fall eines eigenartigen Verschwindens einer jungen Frau auf.

Zurück zu den Diven

Cate Blanchett, sie spielt in Woody Allens “Blue Jasemine”gewann als beste Drama-Schauspielerin. Wie unterschiedlich die Diven Hollywoods sein müssen, um als solche zu gelten, zeigte sich nicht nur, als sie in der Dankesrede die stets einsetzende Musik frei nach Woody Allen interpretierte: “Leute an den Bildschirmen zu Hause, ich weiss nicht, ob Ihr dort diese alberne Musik auch hört, oder ob Ihr denkt, ich spreche nur so schnell, weil ich gleich einen Nervenzusammenbruch habe!” Eine ganz andere Diva dann die ehemalige Lebenspartnerin von Woody Allen, die Schauspielerin Diane Keaton. Sie sprach Hauptthemen in Woody Allens Filmen an: Frauen, das Leben, und Neurosen. Sie nahm stellvertretend für den publikumsscheuen Regisseur in einer intelligenten Mischung auks Rollentausch, ( Frau fühlt sich in Mann ein) mit Hornbrille, in schwarzen  Anzug und Krawatte an seiner Stelle den Cecil B. DeMille Lifetime Award entgegen. Und sagte in der Laudatio: “Uns verbindet eine 45 Jahre alte Freundschaft, welche mich mit Zuneigung, Bewunderung und auch Liebe erfüllt.”  Etwas daran wirkt zeitlos. Der vierfache Oscar- Gewinner, publikumsscheu wie kein zweiter, erschien nur einmal, 2002 selbst an einer Preisverleihung in Hollywood. Aber nur um zu verlangen, dass die Filmproduktion wieder nach New York verlegt werde. Für ein kleines Skandälchen sorgte bereits anfangs der Show eine angenehm alternde Diva. Jacqueline Bisset erhielt ihren ersten Golden Globe im späten Alter von 70 Jahren für ihre Nebenrolle in Poliakoffs BBC – Fernsehdrama “Dancing On The Edge”. Die Medien vor Ort berichteten allerdings von roten Köpfen in der Produktionsregie, weil Bissets Dankesrede nicht nur von ein wenig Flucherei begleitet war. In der Liste der Bedankten befand sich Bissets Mutter. Diese soll einst die junge Schauspielerin mit den Worten “Dann geh doch zur Hölle und komm nicht mehr wieder” nach Hollywood entsandt haben. Die Regie soll daraufhin kurzerhand die restlichen Teile der Rede in der live Übertragung mit dem Pfeifton zensiert haben. Wenn schon weniger Botox, dann eben Zensur.

Spin Off – “besoffene Oscar -Moderationen”

Deutlich mehr Humor bewies das Gastgeberinnen-Duo Tina Fey (40 Rocks) und Amy Poehler. Beide spielten bereits gemeinsam in Komödien wie “Baby Mama” und “Mean Girls”. Nach René Zellwegers buchstäblich betrunken benebeltem Auftritt als Ansagerin an den Oscars vergangenes Jahr war “der wilde betrunkene Haufen Hollywoods” wohl unvermeidliches Leitthema. Als weiteres Spin-Off auf feucht-fröhliche Moderationen dürfte dies an den kommenden Oscars Anfang März nun aber definitiv ausbleiben, nachdem die Golden Globe Show, welche so etwas wie die Brautzeugin der Stars auf dem Weg zum Sockel des Oscar darstellt, sich bis weit in die vorgerückte Stunde ebendiesen ein und desselben Themas bediente. Amy Poehler selbst wurde schliesslich im letzten Drittel der Show nach nunmehr drei Nominierungen mit dem Golden Globe für ihre Hauptrolle in “Parks & Recreation” belohnt. Die Fernsehserie, notabene ein Politsatire, läuft in Europa bereits auf Cartoon Network. Anders Robin Wright. Die zweite Gewinnerin in – ebenfalls- einer Politserie verkörpert die Elite jedoch mit einer Agilität, die ganz dem Titel entspricht. In House of Cards zieht sie als Gespielin von Kevin Spacey alle schauspielerischen Karten aus dem Ärmel. Und so kam es wohl günstig, dass Emma Thompson, sie präsentierte die Kategorie bestes Drehbuch, barfuss einen Martini kippte. Als sie Spike Jonze für “Her” als Gewinner der Kategorie bekannt gab, händigte sie ihre Christian Loubutins an eine der Platzanweiserinnen, um erst einmal den “Martini” hinter die Ohren zu kippen. Die Botschaft ist klar, das Verkünden von Preisen ist nicht immer einfach. In Jonzes Sieger -Komödiendrama “Her” verliebt sich die Protagonistin in eine Computerstimme. Offensichtlich ist so viel Fiktion nur angesäuselt ertragbar.

Real versus Fiktion, Geschichten, Geschichte

Einiges ist an den diesjährigen Golden Globes klar geworden. Erstens: das Kino hat es durch die Konkurrenz der qualitativ hochstehenden Fernsehproduktionen nicht leicht. Und so scheint es ein frappanter Hinweis, dass gleich zwei noch lebende Protagonisten, deren Lebensabschnitte verfilmt wurden, die jeweiligen Präsentatoren zur Verkündung der Gewinner begleiteten. So war die echte Philomena Lee (nominiert: Judi Dench als beste Hauptrolle im Drama”Philomena”) ebenso anwesend wie der Ex -Rennfahrer Niki Lauda. Beide vermitteln aber nicht unbedingt das Amerikanische. Die Hauptrolle als Niki Lauda ist in “Rush” durch den deutschen Mimen und nun Golden Globe – Nominierten Daniel Brühl besetzt. Und man möchte nun fragen, ist Kino nun Realität oder Fiktion? Gerade aufgrund dieser real vorgebrachten “Vorbilder”. Das führt zu einem vermutlichen zweitens: Gesellschaftliche Stoffe sind eher innenpolitisch gefärbt. Das zeigt sich nicht nur deswegen, weil der grosse Abräumer “American Hustle” bereits mit “einige Vorkommnisse im Film sind real” eine schüchterne Einleitung erfährt. Die Geschichte erzählt vom Abscam- Skandal. Amerika hat eben nicht nur mit einer Ethnie ein gespaltenes Verhältnis. Und mit “12 Years A Slave” rühren eigentlich gleich zwei Kinofilme an der Geschichte Amerikas. Zum einen eben dieser “American Hustle” als halbfiktive Erzählung eines Politskandals, der in den späten 1970ern Erinnerungen an Watergate aufkommen liess, der aber im Nachhall an 9/11 mit besagter Ansage bereits klar auf leise Töne stellt. Umso intensiver erscheint die autobiographische Geschichte “12 Years of…” von Solomon Northups Abstieg im 19. Jahrhundert zum Sklaven verfilmt. Die Frage hier ist, welche Frage Amerika mehr beschäftigt. Die Fragestellungen führen zu einer bizarren Distanz, wenn sich moralische  Fragen der Amerikanischen Seele geklärt und Teile der Geschichte aufgearbeitet sehen wollen. Vielleicht fiel deshalb die Wahl beim dritten Favoriten im Vorfeld der  Nominierung auf die Hauptrolle in Martin ‘Marty’ Scorseses “The Wolf Of Wall Street”. Leonardo Di Caprio verkörpert einen Broker, der in den 1990ern an der Wall Street betrügt. Eins wird bei dieser kurzen Spiegelung der Themen sichtbar: Amerikas Gesicht und Amerikas innere Verfassung möchte sich heute eher als vorsichtig denn als imperialistisch wahrnehmen, folgte man dieser diesjährigen Prämierung. Und die, man weiss es, geschieht durch eine Jury, bestehend aus 100 international tätigen Journalisten. Eine Berufsgattung indes, die durchaus nahe an der Geschichtsschreibung Amerikas steht und die bisweilen bizarre Stimmung in einer Welt, die nach vorne preschen möchte, mitschreibt. Gerade auch dann, wenn die verdrehten Vorzeichen wieder “richtig” gestellt werden. Mit Michael Douglas gewinnt ein sogenannter Hollywoodveteran einen Golden Globe für sein Schauspiel als Liberace in “Behind the Candelabra”. Jon Voight, der zweite Bildmaschinerien- Veteran, wird für eine Nebenrolle in der Serie “Ray Donovan” geehrt. Zusammen mit der aus plastisch-chirurgischer Sicht gesehen in Würde gealterten Jacqueline Bisset sind dies drei Schauspieler der alten Garde, denen es im Grunde sogar zustünde, das Karussel der Nominierungen gedanklich als Hölle zu bezeichnen. Es überrascht also auch drittens, dass Alter wieder vor Schönheit Vorrang hat. Und Würde wieder ein Thema ist. Wenn auch von sehr unterschiedlichen Auftritten konterkariert.

Die Vergabe des Golden Globes in der Sparte Musik überrascht hingegen gar nicht. Wie immer hinter farbigen Brillengläsern versteckt nahm U2 Frontmann Bono Vox den Preis für den besten Soundtrack zu “Mandela” entgegen. Es sei, so sagte er, eine letzte Reise gewesen, die einst mit einem Benefizkonzert vor etwa 30 Jahren begonnen hatte, sagte der Frontmann in Erinnerung an den verstorbenen Nelson Mandela.

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