A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

London calling, BAFTA!

Ein Butler poliert die begehrten BAFTA  British Academy Film Awards in Maskenform, welche als Preise vergeben werden.Photo: AFP/GETTY

Ein Butler poliert die begehrten BAFTA British Academy Film Awards in Maskenform, welche als Preise vergeben werden.Photo: AFP/GETTY

Hochsaison Filmpreise

In London wurden gestern Abend die Filmpreise der BAFTA 2014 vergeben. Die unaufgeregte Zeremonie offenbarte auch insgeheime Bande. Der Absahner ist eindeutig einer wider Erwarten.

 von Patrick Neithard, Zürich

Es gibt ihn, den Abräumer. Sechs BAFTAs strich der Sci-Fi Thriller “Gravity” des mexikanischen Immigranten-Regisseurs, Drehbuchautors, Produzenten und Schnittmeisters Alfonso Cuarón ein. Mit dem Preis für seinen besten britischen Film machte “Gravity” den Auftakt der BBC-Show. Ein besonderes Zeichen, denn der 3D-Thriller besticht einerseits vor allem durch seine visuell orgiastische und darum klar hollywoodsche Inszenierung, und zum visuell kolossalen Vergnügen macht ihn ja erst die zur Anwendung gekommene Technologie. Eigentlich nicht verwunderlich also, weil eben so gar nicht britisch. Es folgten weitere BAFTAs für Regie, und einen sehr wohl-, aber sicher nicht bestverdienten für die Kamera (Emmanuel Lubezki). Diese Entscheidung geht eindeutig zu Lasten des in dieser Kategorie leer ausgehenden “12 Years a Slave”- Kameramanns Sean Bobbitt, dessen Leistung somit schlicht bei den Oscars anerkannt werden muss. “Gravity” aber eben garnierte ebenfalls in den Kategorien Sound, Originalmusik und Special Effects ab, und ist drum definitiv ein heisser Favorit für die Oscars anfang März. Identisch sind BAFTAs und Oscars selten, vielmehr sind sie oft ein europäischer Zwischenruf zwischen Golden Globes und Oscars, zwischen Kür und Schaulaufen. Trotzdem, es erstaunt nicht schlecht, ist es hier doch die Kategrie “bester britischer Film”, welche nun zeitgleich einen eindeutigen Verlierer kürte, nämlich die britisch-südafrikanische Koproduktion “Mandela, der lange Marsch in die Freiheit”. Man darf gespannt sein, ob das Biopic vielleicht bei den Oscars besser wegkommt.  

Trotzdem. Nur zwei BAFTAs für “12 Years a Slave”

Die BAFTA, die Britische Akademie für Film und Fernsehkunst, prämiert in der ersten von drei Events Filme. Im April erst werden Fernsehproduktionen und kurz darauf Video Games prämiert. Heuer also ging es um den Film, und nebst dem besten englischen auch um den weltbesten englischsprachigen Film. Mit grösster Spannung wurde dessen Prämierung erwartet. Nominiert waren auch hier wie schon an den amerikanischen Golden Globes “American Hustle”, “Captain Philips”, “Gravity”, “Philomena” und “12 Years a Slave”. Hätte jetzt “Gravity” auch in dieser Kategorie abgeräumt, die Enttäuschung hätte nicht grösser sein können. Stattdessen erhielt beinahe am Ende der Show letztlich doch “12 Years a Slave” des britischstämmigen Konzeptkünstlers und Regisseurs Steve Mc Queen doch noch die begehrte Trophäe. Eine Stunde zuvor hatte als bester männlicher Hauptdarsteller der afroamerikanische Chivetel Ejiofor den BAFTA entgegen genommen. “Der ist für Dich!” rief der nun sichtlich gelöste Schauspieler Regisseur Steve Mc Queen zu. Gross war die Enttäuschung noch in Beverly Hills. Trotz Golden Globe-Nominierung war der Schauspieler dort anfang Jahr noch leer ausgegangen.

Ethnien, Leben, globalen Systeme

Eines kristallisiert sich nun. Das Kino der Gegenwart setzt sich derzeit mit den unterschiedlichsten Problemstellungen um den Themenkreis des Postkolonialismus, und der Rassenthematik notabene mit unterschiedlicher Aufmerksamkeit auseinander. So auch “Captain Philips”, dessen Story auf einem wahren Ereignis basiert. 2009 kaperten somalische Piraten einen amerikanischen Frachter. Die Rolle des somalischen Piraten “Muse” trug Barkhad Abdi jetzt den BAFTA für die beste Nebenrolle -die Englischsprachigen machens hier einfach besser, Supporting Actor ist die geläufige Bezeichnung, neben Tom Hanks als Captain Philips ein. Man darf fragen, wie sehr auch politische Fragen in die Entscheidungen der Jury hineinspielen. Sichtbar wird sie entweder durch die überbordende Preisvergabe, andererseits aber auch durch eine vordergründig sofort sichtbare Verweigerung, einen Film mit einem Bouquet an Preisen zu überhäufen. Die in zwei Kategorien (beste Nebendarstellerin und Rising Star) nominierte Lupita Nyong`O, die in “12 Years a Slave” in ihrer Nebenrolle schlichtwegs brilliert, hatte vielleicht darum ein Nachsehen. Ihr zuvor kam die sprichtwörtlich preisverwöhnte Jennifer Lawrence, sie erhielt, in Absenz, den BAFTA für die im Grunde hübsche, prominiente, glamouröse, aber eben nicht unbedingt beste weibliche Nebenrolle in “American Hustle”. Richtig, das ist der Film, welcher für das beste Drehbuch prämiert wurde. Mehr konnte dieser Film hier nicht gewinnen.

Herzliche, ewige Bande zwischen Schauspielern

Als beste Schauspielerin war unter anderem Emma Thompson für “Saving Mr Banks” nominiert. Die facettenreiche Schauspielerin, die sich auch ausserhalb von Jane Austen- Verfilmungen einen Namen machte, (sie spielte zum Beispiel auch neben Meryl Streep in der AIDS Drama- Miniserie “Engel in Amerika” einen Engel) moderierte zwar nur kurz die beste männliche Nebenrolle an. Ihr nahezu erzengelhafter Freudenschrei stachelte die illustre Schar des Filmschaffens zum tosenden Applaus für den Gewinner Barkhad Abdi an. In der London Opera, wo die BAFTAs immer vergeben werden, übrigens im Beisein von Prinz William diesmal, wirkt Beifall akustisch besonders fein austariert. Ausgestochen wurde Emma Thompson jedoch von Kate Blanchett. Blanchett ist Muse im diesmaligen Film “Blue Jasmine” des Stadtneurotikers Woody Allen. Sie gestand, elegant, souverän, ohne Koketterie, schlicht keine Dankesrede vorbereitet zu haben. Kurzerhand widmete sie ihre Dankesrede dem kürzlich verstorbenen Schauspieler Philip Seymour Hoffman. Sie werde sein berufliches wie privates Erbe weiter tragen: “in diesem Sinne, Phil, Kumpel, du Schuft!, dieser hier, ist für Dich!”. So oder so, die eben auch treuen Bande zwischen Schauspielern mitzubekommen ist, inmitten der Spannung auf Preise eine äusserst human wirkende Randerscheinung. Auch darum lohnt es sich, die BAFTA`s zu schauen.

Irrweg, Glauben, Schicksal

“Philomena” wurde für das beste adaptierte Drehbuch prämiert. Steve Coogan und Jeff Pope portraitieren darin die Suche der Irin Philomena Lee (Dame Judi Dench) nach ihrem zur Adoption frei gegebenen Kind. Die Rolle der katholischen Philomena, welche ihr Kind zur Adoption freigeben muss, weil sie ungewollt schwanger wurde, ist als Nacherzählung Judi Dench auf den Leib geschnitten. Steve Coogan spielt selbst mit an der Seite von Judi Dench. Er würdigte Philomena Lee, die anfang Jahr an den Golden Globes selbst präsent gewesen war, in London erneut. “Ihre Geschichte sei nun zu Ende erzählt, doch es gebe tausende, die der Vatikan nach wie vor ignoriert”. Eine Geschichte also, die über Erinnerung, über das Leben als Suche spricht. Dass dies ein Genre ist, welches den Film schon immer ausgemacht hat, wird mit dem Award an Kieran Evans für ein hervorragenden Debut mit “Kelly & Victor”, einer Liebesgeschichte, die zwischen Realitätsflucht und Intimität Raum auslotet, festgehalten. Bester animierter Film ist “Frozen”.

Besondere Preise

Nebst den klassischen Nominierungen sieht die BAFTA drei Sonderprämierungen vor. Der EE BAFTA Rising Star Award ging an den jüngsten Nominierten, den britischen Newcomer Will Poulter. Der 21jährige freute sich sichtlich. In “We`re the Millers” spielt er neben Jennifer Aniston so richtig auf, aufgefallen ist er bereits 2007 im Jugendfilm  “Son of Rambow”. Den BAFTA für herausragende Beiträge zum britischen Kino erhielt diesmal, und man muss sagen, endlich, der Brite Peter Greenaway. Sein Werk verbindet die Malerei der Renaissance und des Barock mit dem Film. Helen Mirren spielte in einem seiner bildnerischen Meisterwerke “The Cook, The Thief, His Wife and Her Lover” 1989  die weibliche Hauptrolle. Das Meisterwerk war eine damals geradezu avantgardistische Form des Erzählens, in welcher über den Schnitt von Raum zu Raum (das Stück spielt in einem Restaurant) Welten, Farbenwelten, Bildwelten, Lebenswelten eröffnet wurden. 2006 spielte die wie Judi Dench zur “Dame” geadelten Helen Mirren auch “die Queen”, Elizabeth II., und sie wurde am Ende der BAFTA Show mit dem Ehrenpreis der BAFTA Vereinigung ausgezeichnet. Der Showman Stephen Fry führte mit köstlich herbem, und vor allem dosiertem Wortwitz durch den Event, in seiner Schlussrede appellierte an den Mut, inspiriert Projekte gedeihen zu lassen, an ihren Erfolg zu glauben sie durchzuziehen. Man habe auch heuer gesehen, dass viele Wege zu einem BAFTA offen seien. Kino. Welt der Fiktion, Teil der Realität.

© 2005 -2016 A Sharper Blur and Patrick Neithard. All rights reserved

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d bloggers like this: