A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

Der Jöh Effekt gewinnt. Tiziana Gulino ist die neue Voice of Switzerland

High Five für die Siegerin von The Voice of Switzerland von Bastian Baker nach dem Duett seines Songs "Follow The Wind" © Screenshot SRF via youtube

High Five für die Siegerin von The Voice of Switzerland Tiziano Gulino von Bastian Baker nach dem Duett seines Songs “Follow The Wind” © Screenshot SRF via youtube

Wie Wundergeil! Der Jöh Effekt gewinnt. Tiziana Gulino ist die neue Voice of Switzerland

von Patrick Neithard

Vier waren es noch, die kurz nach 20 Uhr in der Finalshow in Kreuzlingen auftraten. Um 22:50 ist es dann klar. Das Publikum macht Tiziana Gulino per Televoting zur Gewinnerin. Auf die Frage von Moderatoren Boss Sven Epiney, wie man sich als frischgebackene Gewinnerin fühlt, meinte sie: “Äh.” (Pause…) und lachte verschmitzt. Kurz zuvor noch war die erst 17jährige Berufsmatur-Schülerin auf der Bühne sofort von einer ganzen Runde kreischenden Fans und Klassenkameraden umringt worden. Hatte sie sich erst einmal gefasst, legte sie in Epineys Mikrofon selbstbewusst nach: “Es sind noch längst nicht alle durch”. Gemeint waren damit all jene Fans, die ihr persönlich gratulierten. Das Jungtalent mit dem Charme der Amigruppe The Kelly Family wurde von Marc Sway über lange Zeit favorisiert, inzwischen hat sie bereits einen Plattenvetrag in der Tasche. Etwas Schleichwerbung schien angesichts der vier Star Acts in der Live Show fast dringend. Marc Sway lud den Zögling kurzerhand auf seine in Bälde startende Tournee ein. Sway hat neulich erst ein neues Album veröffentlicht.

Zuvor hatte das frischgekürte Cervelatprominenz-Talent “Tizi” mit “Because Of You”, einen gefühlt in Castingshows meistgecoverten Song von Kelly Clarkson, sauberst hingelegt. Und im Duett mit dem Twentysomething Bastian Baker, einer Entdeckung des vor zwei Jahren verstorbenen Claude Nobs, den Ohrwurm “Follow the Wind” von Bakers neuer Scheibe eindeutig jedes Schokoherz und so manchen (Oster-)Hasen zum Schmelzen gebracht. Auf Millisekunden getaktet und treffsicher in Ton und Timbre war das definitv bereits die Entscheidung. Baker erfand nach seinem Charming High Five mit der um zehn Jahre jüngeren auch ein anti-Röstigraben Wort. “WUNDERGEIL!” Das Wort passte übrigens auch schon zu “Tizis” Performance ihrer Siegersingle “Warrior”. Die Kandidaten coverten erneut durch die gesamte Staffel Songs, die schlussendlichen Finalisten hatten aber für das Finale jeder eine “Siegersingle”, um damit nach eigenem Ermessen eine persönlichere Facette auf Glanz zu polieren.

Das Juryteam war festlich dressed, allen voran führte Rockgirl Stefanie Heinzmann im schulterfreien schwarzen Abendkleid ihr Oberarmtattoo spazieren. Stress, bis auf’s Hemd runter in schwarz, machte auf 1% Boss Hoss mit einem Western Style Hemdkragen Schmuck statt Fliege, während Mark Sway in seinem Burgundy Samt Sakko auf blauem Hemd mit auberginer Fliege auf Color Blocking mit der Voice Of- Bühne machte. Und durch die ganze Show mit sich selbst um die Wette grinste. Philipp Fankhauser (50) im enzianblauen shiny Suit zitterte in den LiveDuos mit seinem Zögling Peter Brandenberger (38) trotz Glam Style vergeblich um die Wette. Brandenbergers Vortrag seiner Siegersingle “Living It Up” schien zwar noch sattelfest, der Coversong von Snow Patrol “Chasing Cars” eindeutig dem Original tüpfligliich, aber kontrollierter Gesang ist nicht alles, das zeigte sich dann im Duett mit Anastacia. Eine grausam lange halbe Minute liess da die Interpretation von Brandenberger auf sich warten, eher am Rande begleitete er das Intro zu “Stupid Little Things” am Piano. So verhalten wie an einem Weihnachtskonzert. Eine Duettpartnerin mit irgend einer Körpergeste anfeuern, die sich grade zu dummen Sachen bekennt, hätten bereits im Frühstadium der Staffel abgewählte Kandidaten besser hingekriegt. Der Pflichtbewusste hat auf jeden Fall den “Dräck” höchstens in der Stimme, eben das, was seine Duettpartnerin Anastacia im Grunde einfach schon mitbringt und physisch auch transportiert. Warum man sich auf der Bühne mit einem internationalen Star mit Löwenmähne (und Stimme) wie Anastacia, die selbst in einer Castingshow angefangen hat, die Mütze nicht vom Kopf reisst, die Frage ritzt man sich definitiv mit dem Sackmesser in ein hölzernes Fragezeichen.

Stress hingegen wirkte so wie man ihn anfangs dieser Staffel bereits umbenannte: Easy. Zwar war seine Teamfavoritin Rahel Buchhold (27) eine der talentierteren, aber Team Stress ging mit Nicole Bernegger ja bereits letztes Jahr als Sieger hervor. Zwei mal wär wohl too much Stress gewesen. Mit “People help the People” sang sich die frisch frisierte Rahel Buchhold (trotz passagenweise im Stimmetimbre von Celine Dion gesungen) durch allzu kalte Stimmkontrolle eher aus dem Rennen statt an die Spitze. Das Original singt Birdy (18) live aber auch so sphärenfiligran und zerbrechlich – im Grunde wäre das also sowieso ein Song, der viel passender von der nun feststehenden Siegerin von The Voice hätte gesungen werden können. Im Duett “Lifesaver” mit der finnischen Rampensau Samu (kennt man auch aus The Voice of Germany) war eher eine Art Backflash zurück in die Phase von den Battles. Wer von wem mehr irritiert war, blieb bis zur letzten Note unklar. Im Vergleich lieferte Buchhold mit ihrer Siegeringle “Lifeless” ab. Sie darf, und das ist jetzt ein tatsächliches Jonangebot, an der Eröffnung des nächsten Münchner Christkindlemarkts singen.

“Shimisch” fand Stefanie Heinzmann (25) den vierten Kandidaten Shem Thomas ja gleich von anfang von “The Voice” an. Es ist bis heute ein Insider geblieben, was Heinzmann unter shimisch so ganz genau versteht. Schelmisch war er heute jedenfalls nicht, aber gefühlvoll beim Vortrag der Siegersingle “Crossroads”. Aber, der Rheintaler mit Künstlernamen Shem Thomas hat in etwa genau jenes Format, welches für die Seele des “Schweizer Volchs” gerade noch ertragbarer Ausdruck einer künstlerischen Ader ist. Der “Mutz”, welchen er programmatisch trägt, passt ja durchwegs auch auf ein kleines Wander/ GA-fährtli. Im Duett mit James Arthur im Song “Get Down” verhaute er aber einige Töne ziemlich, und im Bühnengroover “Happy” coverte er Pharrell Williams zwar einigermassen soulig mit jamiroquaiesquen Paraphrasen, aber eben, gesucht wird “The Voice”, und nicht körperlicher Ausdruck. Zu dem Song passt nicht: der Handschmiss à la Stress, das schwarze Hoody, die grundsätzliche Rapperpose. Auch nicht, wenn man “auch Rapper” ist. Einmal mehr ein Beweis, dass nach “Music Star” nun endlich das schweiztaugliche Format gefunden wurde. Und das nicht nur, weil alle mit internationalen Wurzeln antretenden Talente längst “rausfoulten”. Was will man auch, selbst das Publikum hats seit 2005 in den Music Stars Staffeln nicht übers Gegröle im FCZ-trifft-auf-Kanti-Seefeld- Stil geschafft. Neben dem Format “Deutschland sucht den Superstar” wirkt das Showformat tatsächlich auch in Deutschland als “The Voice of Germany” wie ein erweitertes Samstagabendformat für Familien, Merchandising und Werbeunterbrüche inklusive. Allen gemein ist der Wettbewerb. Dem Wissen in Quiz Shows wird Unterhaltungsmarketing in Wettbewerbsform entgegengesetzt. Es müsste die Quoten steigern, dass einstige Profis wie “Kuli”, “Elstner”, “Der Gottschalk” und “Beni” mit publikumsnahen jungen Moderatorenprofis längst ersetzt wurden. Trotzdem, derMoferationsstil selbst wirkt so säuerlich aus einem 2004 er SF Sendegefäss geklont, da ist der Blick auf die Moderation unausweichlich.

Durch die Show führte das, eben, nett gutgelaunte Moderatorenduo Viola Tami und Sven Epiney. Viola Tami sah umwerfend aus in einem weissen kurzgesschnittenen Kleid, ein bisschen wie ein österliches Frühlingsversprechen trotz der kühlen Temperaturen. Unausgewogen war die Moderation wie immer durch die überproportionale Sprechzeit von Sven Epiney. Der wirklich ziemlich flapsige Spruch von Viola Tami vor dem abschliessenden Zuschauervoting “Wenn Sie nicht wissen, was SMS ist, dann googeln Sie” bewegt einen dazu, sich zu fragen, ob die in jeder backstage Situation versierte Moderatorin vorne auf der Bühne neben Showmaster Epiney etwa Aufmerksamkeit für eigene Showqualitäten und Originalität beim Sendegefäss überkompensiert. Schenkelklopfen gab’s nach dem Spruch wohl nicht. Die Show soll nach der Abwahl von den Topfavoriten eine massive Einbusse bei den Quoten erlitten haben, wie der Schweizer Boulevard (Blick am Abend, Print) vergangene Woche bereits ausführlich spekulierte.

 

hier geht`s zum Duett von Tiziana Gulino mit Bastian Baker ( copyright The Voice of Switzerland, SRF channel auf youtube)

© This article & this blog Patrick Neithard, Zürich, all rights reserved

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Information

This entry was posted on April 19, 2014 by in PopCycles, Short News Culture, Uncategorized.
%d bloggers like this: