A SHARPER BLUR

Wide Range. Cultural Focus. Editor Patrick Neithard

Herz aus Stein

© zvg Stadt Zürich

© zvg, Stadt Zürich

Herz aus Stein

Kaum geht die Sonne auf, lassen sie sich auf dem Parkett aus Gneis nieder. Ob Schüler oder Opernsänger, Punk vom Stadelhofen oder Corine Mauch, Autofreak oder Zeuge Jehova: Tout Zurich hat den Sechseläutenplatz entdeckt. Also nichts wie hin?

Text René Ammann und Patrick Neithard für © attika magazin 4/2014

Ein erstes Frühlingserwachen? Das war neulich, als die Sonne zur neuen Saison aufspielte. Man genoss die Aussicht auf den glitzernden See, um den vierspurigen Utoquai zu überqueren und jäh aufzuwachen. Vor einer Steinwüste.

«Grausam räumt die Zeit auf!», klagte die Neue Zürcher Zeitung, als mächtige Bäume vor ihrem Haus fielen. 1905 war das, für ein Sängerfest, und man sägte die zwei markanten Pappeln vor der Tonhalle einfach nieder. Bald wird die NZZ erneut zur Klage anstimmen können. Ausgerechnet die rotgrüne Stadtregierung wird am Bellevue wieder alte Bäume fällen. Warum? Sie seien «krank», behauptet die grüne Stadträtin Genner, oder sie stünden «am falschen Platz». Diesmal sind es zwei dickstämmige Platanen. Sie werden abgesägt, damit Fahrgäste auf den ganzen 30 Metern ebenerdig ins Tram steigen können. «Ob ein weniger langer ebenerdiger Einstieg wohl auch gereicht hätte?», fragte darauf der Altstadt-Kurier, die Quartierzeitung des Kreises 1.

Ihnen fiel auf, als Sie vorhin «zwei markante Pappeln vor der Tonhalle» lasen und nicht «vor der Oper»? Das war kein Fehler. Beim Bellevue stand bis 1896 die Tonhalle, das Gelände am See hiess drum bis zum Zweiten Weltkrieg «Alter Tonhalleplatz». Alte Ansichtskarten zeigen, wie hier im Herzen des alten Zürich Sommerweizen hochschoss, Raps blühte, Kartoffelsäcke gefüllt wurden. Ein Zürcher Poet dichtete 1941 «Die Stadt steht still, ihr Lärm erlischt, denn da geht leisen Lautes und leicht schlingernd ein Pflug durch die Erde». Das Herz von Zürich, zwischendurch nahrhaft schön.

Auf den Scheiterhaufen damit

Löst sich eine Stadt aus der Kriegsstarre, macht sie im Beispiel Zürich aus dem «Alten Tonhalleplatz» die «Sechseläutenwiese». Auf ihr wird jedes Jahr der Böögg auf dem Scheiterhaufen angezündet. Um den sprichwörtlichen Brennpunkt reiten seit 1903 die Zünfte, die «Zöifter» hoch zu Ross, verschmelzen Tracht und Blumenschmuck zum bunten Reigen und schütteln die Schockstarre des Winters ab. Früher oder später verchlöpft es dem Böögg den Grind. Der martialischen Wintervertreibungsparade folgt eine Art Afterhour. Das Volk brät sich in der verbliebenen Glut eine Wurst. Das Sechseläuten, das ist eben auch das erste offizielle Open-Air des Jahres, verstampfte Wiese inklusive. Aber eben, nun ist die Wiese weg. Und man weiss nicht recht, ob die Zürcher Regierung den Anlass am liebsten abschaffen würde, weil er ihrem Gender-Bild widerstrebt, aber sich nicht traut.

© zvg, Stadt Zürich

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Warum? Lange hiess es, die Wiese sei hässlich, ein Brachland, Kriegszeitenacker. Das Volk nickte eine nicht ganz billige Vorlage ab und gab grünes Licht, damit für 17,2 Millionen Franken aus der Zürcher Tundra ein Platz werde, der Grosszügigkeit ausstrahlt, Weltoffenheit. Die Computerbilder der Abstimmungsgazette zeigen mächtige Baumkronen, die Gäste des Boulevardcafés vor Regen und Sonne schützen und den Blick vom Bellevue auf das Opernhaus rahmen. Ein Wasserspiel ist auch dabei, es soll fast jenem auf dem Berner Bundesplatz Konkurrenz machen. 180 Tage lang gehöre der Platz «allen». An allen anderen Tagen ist er von städtischen Anlässen, pardon, Events, belegt: Sechseläuten, Streetparade, Züri Fäscht, Zirkus. So beschreibt’s die Abstimmungszeitung.

Nun also drücken 4200 Tonnen Stein den Sumpf am See nieder. Diesmal kommt der Stein aus Schweizer Produktion – Steine hat dieses Alpenland ja weissgott genug – und nicht aus Vietnam wie die Bsetzisteine am Limmatquai. Der heisst übrigens auch erst seit 1933 so, davor war’s der Alpenquai. Und eben, meist war die Sechseläutenwiese gar keine Wiese, sondern Brache, Parkplatz – und ab und zu Eisfeld, auf dem Pirouetten gedreht oder dem Puck hinterhergejagt wurde.

Letzten Dezember war auch so ein Eisfeld auf den Gneisplatten, aus Plastik und so platzsparend wie ein Chilbi-Autoscooter. Wir standen zu zweit an den Banden, die Gesichter vom Neonlicht blauweiss angeleuchtet. Es wollte glatt kein Mensch auf dem «Eisfeld» umfallen. Stattdessen standen sich alle gelangweilt die Beine in den Bauch, tranken Glühwein und wurden ab 21 Uhr vom Platz gefegt. Ordnung muss sein. Der Becher Glühwein schliesslich war kein Becher. Eine Keramiktasse wars, die gaben wir brav ab, denn es war auch noch ein Depot drauf, vermutlich eine Auflage der Stadtregierung. Wir hätten sie auch sonst brav deponiert, trotz steigender Promille im Blut.

Angrenzend dem Eisfeld standen zwinglianische Normklone, Holzhäuschen, wie man sie von der Haupthalle des Zürcher HB kennt. Etwas entrümpelter, weniger Esokitsch und weniger Selbstgestricktes und noch viel weniger Svarovski, aber mehr Internationalität. Im Angebot gabs Thurgauer Würstchen, pardon, Thüringer Würstchen! Wir wunderten uns, wie die wohl zum munzigen Zürcher Weihnachtsmarkt gekommen waren. Das einzig Zürcherische am Markt war Zürcher Glühwein. Er wird mit Weisswein angesetzt, was aber die meisten Gäste nicht wussten, denn sie tranken die Rotweinvariante. Weil es keine gute alte Wurst gab, bissen wir halt erst weiter vorn im «Vorderen Sternen» in eine St. Galler Bratwurst.

Zürichs grösste Verkehrsinsel

Das Stadtnetz wird seit Jahren grossräumig erneuert. Als räumliches Erlebnis mit dem umliegenden Tramverkehr, mit der Blechlawine Utoquai gleicht er jetzt erst recht wieder Zürichs grösster Verkehrsinsel. Ein Herz aus Stein.

Versteckt unter 110.000 Steinplatten liegt das Parkhaus Opéra. Vier Franken kostet es, ein Auto eine Stunde lang zu parkieren. Zuschauen, wie anzüglich wohlgeformt die Limousinen im Schaufenster des Autosalons sind, kostet nichts. Das Parkhaus Opéra ist in einer Art Mint gehalten, und weil Archäologen bei «Rettungsgrabungen» Töpfe und Werkzeuge fanden, sind ein paar davon ausgestellt.

So lernt man nach dem Parkieren «das Feuerzeug der Jungsteinzeit» kennen. Es besteht aus einem Feuerstein, den man mit Birkenpech in einen Geweihgriff klemmte – ein sogenannter Feuerschlegel. Damit haute man auf einen Knollen Schwefelkies. Die Funken, die das schlug, brachten den Zunder zum Glühen. Zunder ist ein Stoff, der leicht brennt. Die Leute aus der Jungsteinzeit klopften dafür Zunderpilze flach, das sind jene Pilze, die aus Baumstämmen wachsen wie kleine Dächer. Den Weg nach oben haben diese Fundstücke nicht gefunden.

Unsere Vorfahren am «Kleinen Hafner», wie das Gebiet der Sechseläutenwiese auch einmal hiess, waren Pfahlbauern. Sie hätten sich vor allem von Weizen, Gerste und Schlafmohn sowie von Rindern, Schafen, Ziegen und Schweinen ernährt, erklären die Tafeln im Parkhaus. Am See. Auf Stelzen. Kein köstlicher Egli oder Felchen, der sich zwischen den Stelzen verirrte und den Weg zwischen die Zähne der Zürcher Seeuferbewohner fand? Wer weiss.

Und wir, wir werden auf einem der 100 Stühle (es sind die gleichen wie im Jardin Luxembourg in Paris) unter einem der vorläufig blutten Tulpenbäume sitzen. Wenn je ein Stuhl frei wird. Es streiten sich ja 4000 Einwohner um einen dieser Metalldinger. Im Jahr 2082, zwischen fünf und sechs Uhr früh, dürfte das der Fall sein. In der Stunde der Idioten, wie die an der Langstrasse heisst.

Der neue Sechseläuteplatz wird gern mit dem Markusplatz in Venedig verglichen. Das mag von der Grösse her hinkommen, aber es fehlen die Orchester, die ganzjährig Vivaldis «Vier Jahreszeiten» fiedeln, während man im Caffè Florian den italienisch klein geratenen Caffè für 10 Euro schlürft. Dem Sechseläutenplatz fehlen Tauben, Glockenspiel, und opulente Basilika, ein Campanile und die ewigen T-Shirt-Verkäufer fehlen ebenso. Und das Hochwasser und der geklaute Stadtheilige grad auch noch. Was fehlt, ist die Charmeattacke.

Wie es wohl sein wird, wenn die Sommersonne wochenlang die 15.000 Quadratmeter Steine erhitzt? Es wird sicher keiner mehr über den Platz gehen wollen oder seine vier Buchstaben auf die grösste Herdplatte Zürichs drücken.

Und das Sechseläuten, wie wird das wohl über die Bühne gehen? Wieviele Tonnen Quarzsand wird jedes Jahr benötigt um den Anlass, der dem Platz den Namen gab, überhaupt noch durchführen zu können? Und das Grillieren der Würste nach dem Platzen des Böögs? Hauptsache aufgeräumt, teuer und ausdiskutiert – Zürichs neues Herz aus Stein.

 

© Artikel erschien im Attika magazin Ausgabe 4/2014; http://www.attikamag.ch

© von A Sharper Blur: Patrick Neithard, Alle Rechte vorbehalten

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This entry was posted on April 29, 2014 by in Go See`s and tagged , , .
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